Rundbrief 2 vom Freiwilligendienst aus Nishnij Nowgorod

Begegnungen in Rußland

Die Fahrt nach Hause

Pünktlich 10 Minuten vor Mitternacht fährt der Zug in Richtung Moskau ab. Wir liegen zu sechst in unserem offenen Abteil, in dem fast alle schlafen. Nur der Mann gegenüber und ich sind noch wach. Er hat heute Geburtstag, so sagt er, ist 38 Jahre alt geworden. Und dieses Fest hat er gefreiert – mit viel Wodka. Er ist betrunken.

Warum ein junger Mensch aus Deutschland ausgerechnet nach Rußland kommt, will er wissen und ich knurre ihn müde und lustlos an, daß ich hier arbeite. Dann beginnt er, von sich zu erzählen und von seinen Plänen nach Deutschland auszuwandern. Immer wieder will er wissen, wie das Leben in Deutschland ist, doch ich bin müde und will nur schlafen. Als wir am Morgen in Moskau ankommen habe ich kaum geschlafen und er fast nichts über Deutschland erfahren.

Von Moskau soll es weiter mit dem Zug nach Deutschland gehen. Da ich jedoch keine Lust hatte, Weißrußland für ein Transitvisum 45$ in den Rachen zu werfen, entschloß ich mich, über Lettland nach Hause zu fahren. Am Abend fährt mein Zug in die lettische Hauptstadt Riga ab. Gut gelaunt steige ich in den Zug und freue mich auf ein paar schöne Tage im Baltikum. Doch bis Riga sind noch einige Hindernisse zu bewältigen.

Das erste Problem taucht auf, als ich mein Bett für die Nacht machen wollte, denn mein Bettzeug war unvollständig. Meine Beschwerde beim Zugbegleiter hatte ein heftiges 10minütiges Streitgespräch zwischen ihm und zwei älteren Lettinen zur Folge, die mir bei meinem Problem halfen. Der Zugbegleiter meinte, ich hätte das Bettzeug in meinen Rucksack gepackt, woraufhin die älteren Damen ihn als schlampigen Zugbegleiter beschimpften, der nicht einmal für Papier auf der Toilette sorgt. Als ich nach einiger Zeit dazwischen fragte, ob ich nun neues Bettzeug bekommen könnte, wurde mir kurz gedeutet, daß das Bettzeug gleich komme und der Streit ging munter weiter.

Nachdem ich fest eingeschlafen war, hielt der Zug plötzlich, das Licht ging an und russische Uniformierte stiegen in den Waggon. Die lettisch-russische Grenze war erreicht – Paßkontrolle. Ich gab der Beamtin meinen Paß, den sie gründlich studierte und plötzlich fragte sie, ob ich russisch könne. Da ich ihre Frage bejahte, war sie recht erleichtert und wollte von mir einen Arbeitsvertrag und allerhand andere Dokumente und Erklärungen von mir sehen. Auf meiner Pritsche liegend grinste ich sie an und erklärte ihr ruhig, daß ich dies alles nicht benötigen würde, da mein Visum für die Ausreise völlig genügen würde. Etwas hilflos rief sie ihren Chef zu sich, der mir nochmals aufzählte was für Dokumente ich alles vorzeigen müsse und mir schließlich erklärte, daß mein Visum ungültig sei. Da ich die ganze Sache eher komisch fand, drohte er mir, daß ich aus dem Zug aussteigen müsse, wozu ich allerdings keine Lust hatte. Deshalb habe ich dann doch in aller Ausführlichkeit erklärt, was ich in Rußland machen würde und weshalb ich zwei Visa im Ausweis hätte. Schließlich bekam ich den ersehnten Ausreisestempel auf mein erklärtermaßen ungültiges Visum, was mich ziemlich verwunderte. Die Nachfrage, weshalb man so einfach ein ungültiges Visum abstempeln kann, verkniff ich mir aber.

Etwas außerhalb von Riga war ich in Adazi bei der Familie Putnins untergebracht. Dort verbrachte ich 3 wunderschöne Tage, bevor ich meine Reise nach Deutschland fortsetzte.

Da ich auf’s Zugfahren inzwischen keine Lust mehr hatte, wollte ich eine andere Fortbewegungsmöglichkeit ausprobieren. So ging ich zusammen mit einem anderen Friedi aus Moskau, den ich auf der Fahrt nach Riga kennengelernt hatte, in den Hafen von Riga und wollte auf einem Frachter anheuern um so möglichst billig nach Deutschland zu kommen. Allerdings wurde ich auf dem Hafengelände von einem Polizisten geschnappt, noch bevor ich einen Frachter erreichen konnte. Der schimpfte unverständlich, gab mir aber zu verstehen, daß ich zum Passagierhafen gehen solle. Das tat ich auch und kaufte für 150 DM ein Ticket von Riga nach Lübeck.

Fröhlich ging ich früh morgens an Bord des Schiffes und freute mich, am nächsten Tag endlich in Deutschland zu sein. Doch daraus wurde nichts. Unsere Fähre geriet in einen schweren Sturm und kämpfte sich bei Windstärke 11 durch die tobende Ostsee. Als der Wind noch stärker wurde, bekamen wir von der Seewacht ein Verbot weiterzufahren und mußten vor Schweden ankern. Ein späterer Versuch weiterzufahren schaukelte uns alle wiederum heftig durch, mußte aber vor der Küste Dänemarks erneut abgebrochen werden.

Nun bekam ich langsam ein Problem, denn meine Essensvorräte neigte sich dem Ende entgegen und das letzte bißchen Geld, das ich in der Tasche hatte, brauchte ich für die Zugfahrt in Deutschland. So aß ich mich also beim kostenlosen Frühstück ordentlich satt und zum Mittag nahm ich meine Tütensuppe, ging ins Bordrestaurant und fragte nach etwas Brot und heißem Wasser. Als die Küchenfrau mich mit meiner Suppe sah, bekam so wohl Mitleid, rief mich zu sich und ich konnte mir nach Herzenslust mein Menü zusammenstellen – kostenlos versteht sich.

Nach 4 Tagen Fahrt auf der Ostsee erreichten wir endlich Lübeck und wenig später saß ich glücklich bei meiner Oma.

Ich verbrachte über die Weihnachtsfeiertage zwei schöne Wochen zu Hause, war aber ausgesprochen froh, als ich nach meinem Heimaturlaub wieder in Nishnij Nowgorod am Bahnhof ankam.

Mein Alltag

Hier war er wieder, mein gewohnter “Alltag”, wie ich ihn nun schon seit einem halben Jahr kenne. Was diesen “Alltag” so besonders macht, ist leicht zu erklären: Immer wieder geschieht etwas seltsames, fremdartiges und wundersames, was mich betrübt, befremdet oder lustig stimmt, für meine Mitmenschen aber völlige Normalität ist.

Da wäre zum Beispiel der Supermarkt direkt vor meiner Haustür, der 24 Stunden und 364 Tage im Jahr geöffnet hat. Er ist gewiß ein Fortschritt gegenüber dem auch heute noch in Rußland gebräuchlichen Rechenschiebern und dem erst-gucken-dann-bezahlen-dann-einkaufen-System. Doch dieser Fortschritt ist in einen Kapitalismus pur mit fast schon perversen Ausmaßen umgeschlagen. Als Kunde fühlt man sich regelrecht bedrängt, denn das Verhältnis von Einkäufer zu Angestellten ist sicherlich nicht schlechter als 2 zu 1. Selbst an den wichtigsten russischen Feiertagen und in der Nacht um 3 Uhr stehen junge Mädchen hinter den Kassen und packen die eingekauften Waren alle separat in Plastiktüten oder laufen einem scharenweise in der Einkaufshalle hinterher, um nach den Wünschen ihrer Kunden zu fragen. Die latente Unfreundlichkeit wird jedoch werder durch das aufgesetzte Lächeln noch durch den aufgesagten freundlichen Spruch wett gemacht.

An dies und an die Tatsache, daß ich meinen Rucksack abgeben muß, bevor ich in die Einkaufshalle gehe, habe ich mich inzwischen gewöhnt. Vor einigen Wochen ging ich in die Sanitärabteilung des Supermarktes, in der es keine Abgabestelle für meinen Rucksack gab. Allerdings lagen ein Folienschweißgerät und einige Müllbeutel bereit, um meinen Rucksack einzuschweißen und mir somit das Klauen im Laden zu erschweren. Leider war mein Rucksack zu groß für die Müllbeutel, er in einem aufwendigen Verfahren in zwei Müllbeutel eingeschweißt werden mußte. Nach drei Minuten verließ ich den Laden wieder und durfte meine Müllbeutel abreißen und wegwerfen.

Zweimal in der Woche habe ich wie auch die übrigen Friedis an der hiesigen linguistischen Universität Russischunterricht. Natalja Petrowna heißt die gute Frau, die uns mit kostenlosen Russischlektionen versorgt. Sie ist Dozentin an der Uni und bildet ihre Studenten zu Russischlehrern (u.a. für Ausländer) aus. Für ihre Studenten sucht sie immer eine Möglichkeit Praxis im Unterrichten zu bekommen, weshalb sie sich über uns Deutsche besonders freut. Jede Woche bereitet sich eine andere nette Studentin darauf vor, mir die Grammatik des Russischen zu erklären. Dank ihrer unermüdlichen Mühe gelingt ihnen das auch hervorragend, was bei mir des öfteren ein schlechtes Gewissen hervorruft, wenn ich mal wieder meine Hausaufgaben nicht vollständig gemacht habe.

Während meines Urlaubs in Deutschland habe ich am meisten die Banja, ein russisches Dampfbad, vermißt. Alle 2 Wochen geselle ich mich zu den meist etwas betagteren russischen Herren in die öffentlichen Banja, die sich unweit meiner Wohnung befindet, um mit ihnen kräftig zu schwitzen. Bei meinem ersten Banjabesuch hatte ich mich noch etwas gewundert, weshalb die Russen nur mit einer Wollmütze bzw. einem Filtzhut bekleidet und einem Bund Birkenzweige in der Hand in die Banja kommen. Inzwischen habe ich verstanden, daß das “Schlagen” auf die Haut mit den Birkenzweigen eine sehr wohltuende Banjatradition ist und daß auch die Kopfbedeckung seinen Sinn hat. Es ist den Russen nämlich ein Vergnügen, die Temperatur in der Banja ins für Deutsche Unerträgliche zu steigern und ohne Mütze würde einem die Kopfhaut ziemlich schnell verbrennen. Auf die Bitte, kein Wasser mehr nachzufüllen, da ein Deutscher mit in der Banja sitzt, reagieren die alten Herren meist nur mit einem Lachen und freuen sich, wenn was für hohe Temperaturen ein echter Russe aushält.

Meine Wochenenden sind meist ausgebucht, denn immer wieder kommen deutsche Freiwillige aus ganz Rußland, Studenten oder andere junge Reisende aus Deutschland bei mir vorbei, um sich übers Wochenende die Stadt anzugucken. Wenn es meine Zeit erlaubt, zeige ich ihnen die Stadt und abends unternehmen wir zusammen etwas.

Im Gegenzug kann ich dafür in die großen Städte Rußlands reisen und bekomme immer irgendwo eine Unterkunft bei einem deutschen Freiwilligen. Dieses System macht es recht billig, zumindest den europäischen Teil Rußlands kennenzulernen.

Meine Arbeit

Bei meiner Arbeit hat sich nicht viel geändert. Hauptarbeitsstelle ist nach wie die Behindertenorganisation Invatur (einschließlich Invalidenbetreuung) und die Soldatenmütter besuche ich ebenfalls wöchentlich. Etwas weniger war ich in der letzten Zeit leider in der Umweltorganisation „Seljonyj Parus”.

Invatur

Wie ich schon in meinem ersten Rundbrief geschrieben habe, ist die Arbeit für einen (deutschen) Freiwilligen recht schwierig. Inzwischen ist das Projekt, Rampen für Rollstuhlfahrer in der Stadt zu bauen, angelaufen. Zusammen mit meinem Friedikollegen Andreas wartete ich bei Dima, den ich einmal in der Woche besuche, auf die „Fachbauarbeiter” von Invatur. Mit einer kaputten Schaufel und einem Sack Zement kamen sie vor Dimas Treppenaufgang. Die geplante Rampe sollte es Dima mit seinem Rollstuhl erleichtern, vom Gehweg auf den ersten Treppenabsatz zu kommen. Für die sechs Treppenstufen von diesem Absatz zum Fahrstuhl war allerdings keine Rampe vorgesehen, da die im schmalen Treppenaufgang keinen Platz hat.

An Baumaterialien für die Rampe fehlten noch Wasser, Sand und Steine. Doch in Rußland, so wurde mir erklärt, sei dies kein Problem. Ein Eimer mit Wasser wurde schnell besorgt, die benötigten Steine klauten wir von einer nahegelegenen Baustelle und nach Sand brauchten wir nicht lange suchen, da in jedem Hauseingang Streusand für den Winter vorhanden war.

Das ganze mischten wir dann fachmännisch auf dem Gehweg und bauten mit dem Beton eine kleine Rampe, die am Ende mit der Schaufel glattgezogen wurde. Da die ganze Aktion bei Minusgraden stattfand, bröckelt der Beton schon jetzt nach drei Monaten und bis zum nächsten Winter ist die Rampe sicherlich gänzlich zerfallen. Zum Glück hat Invatur die Rampenbauaktion eingestellt – vorläufig.

Ich bin nicht der einzige Freiwillige, der bei Invatur arbeitet. Auch russische Freiwillige – zumeist Studenten – helfen in der Organisation mit. Sie haben sich zur Aufgabe gemacht, eine Aufklärungskampagne zur Integration von Rollstuhlfahrern in gewöhnliche Schulen durchzuführen. Bisher müssen Rollstuhlfahrer in Nishnij Nowgorod Sonderschulen besuchen und werden so von den anderen Schülern isoliert.

Die Freiwilligen von Invatur gehen in die Klassen und werben dort dafür, jungen Rollstuhlfahrern ein Besuch in den normalen Schulen zu ermöglichen. Meine Aufgabe soll es demnächst werden, sie zu begleiten und über die Integration von Rollstuhlfahrern in deutsche Schulen zu berichten. Leider habe ich von diesem Thema bis jetzt keine Ahnung, doch ich hoffe, meine Wissenslücken so schnell wie möglich schließen zu können.

Walera

Wie im ersten Rundbrief schon angeklungen, ist die Betreuung von Walera, inzwischen zu meiner wichtigsten Aufgabe geworden, da ich bei ihm genau merke, daß ich auf keinen Fall wegbleiben darf.

Zusammen mit Andreas, der ihn ebenfalls regelmäßig besucht, haben wir inzwischen etwas Einblick in seine familiären Verhältnisse, über die er aber nicht reden möchte. Walera sitzt mit seinen etwas mehr als sechzig Jahren allein zu Hause vor dem Fernseher. Sein Bruder kommt morgens und abends vorbei, macht ihm etwas zu essen und verschwindet nach 10 Minuten wieder. Leider sind diese Besuche für Walera nicht unbedingt eine freudige Angelegenheit, denn sein Bruder läßt ihn regelmäßig spüren, daß die Besuche für ihn kein Vergnügen sind, sondern lästige Pflichterfüllung. Jedes Mal, wenn ich den Bruder bei Walera treffe, höre ich fast nur die Worte “schneller, schneller”, “ich habe keine Zeit”, “ich muß zur Arbeit”. Einen Sohn hat Walera auch, doch der, so sagt er, komme schon lange nicht mehr vorbei, was eigentlich sehr Schade sei.

Um so wichtiger ist es für ihn sicher, daß Andreas und ich regelmäßig zu ihm kommen. Bevor ich Weihnachten nach Deutschland fuhr, verabschiedete ich mich bei ihm und wir umarmten uns lange. Er fing an zu weinen und hatte große Angst, daß ich aus Deutschland nicht zurückkommen würde. Walera trauert heute schon um den Tag an dem Andreas und ich wieder nach hause fahren müssen. Wir versuchen ihn zu trösten und versprechen ihm, daß die neuen Friedensdienstleistenden sich genauso um ihn kümmern werden.

Wenn ich von Walera nach Hause gehe, mache ich mir manchmal Gedanken, wie mein Leben in 50 Jahren aussehen wird. Und ich hoffe dann immer, daß ich, sollte ich im Alter krank werden, nicht alleine zu Hause sitzen muß, daß ich nicht erkennen muß, wie wenig Freunde ich habe und daß ich nicht meine Verwandten anbetteln muß, sich doch ein wenig um mich zu kümmern.

Begegnungen

Die Hauptaufgabe des “Anderen Dienstes im Ausland” besteht nach Vorstellungen des Bundesamtes für den Zivildienst in der Völkerverständigung. Durch das Leben und Arbeiten in Rußland und durch die Integration in den russischen Alltag sind die besten Voraussetzungen für eine solche Verständigung zwischen Deutschen und Russen gegeben. Daß es viele Gemeinsamkeiten, aber auch etliche Unterschiede zwischen unseren Völkern gibt, wird mir tagtäglich vor Augen geführt. Aus diesen Gemeinsamkeiten und Unterschieden entwickeln sich manchmal sehr einprägsame Begegnungen. Ab und an kommt es in Gesprächen auch zu Irritationen, da ich – und mein Gegenüber von mir gewiß auch – ein völlig anderes Verhalten erwarte.

Einige dieser Begegnungen mit den Menschen in Rußland habe ich im folgenden aufgeschrieben:

“…früher war das Leben einfach besser”

An einem verregneten Sommertag fahre ich zum erstenmal in den Autowerksbezirk am Rande Nishnij Nowgorods, um Dima, einen Invaliden, zu besuchen. Der Bezirk ist eine riesige Plattenbausiedlung, in der die Angestellten des örtlichen GAS-Autowerkes wohnen. Da die Häuser einander wie Zwillinge gleichen, verlaufe ich mich natürlich und geistere durch diese Betonsiedlung, deren Struktur nicht im entferntesten der auf meinem Stadtplan gleicht.

Glücklicherweise treffe ich eine etwa 50jährige Frau, die mich auf dem Weg zu Dima ein Stück begleitet. Sie kommt gerade von der Arbeit, aus dem Autowerk, und klagt, wie schwer das Leben doch hier sei. Dabei habe sie noch Glück, denn sie könne jeden Tag zur Arbeit ins Autowerk gehen. Doch was passieren würde, wenn sie wie viele andere Arbeiter dort nicht mehr ihr Geld verdienen könne, das mag sie sich lieber nicht vorstellen.

Dann schwelgt sie in Erinnerungen an die Zeit vor dem großen Umbruch. Früher, zu Sowjetzeiten, sei das Leben einfach besser gewesen, sagt sie etwas traurig und wirft immer wieder ein paar Brocken Deutsch ein, die sie noch aus der Schule kennt. Die Menschen hätten sich früher viel mehr gemocht, seien nicht so kalt und egoistisch gewesen, sondern hätten sich gegenseitig geholfen.

Sie könne nicht verstehen, weshalb ich aus dem paradiesischen Deutschland hier her, an diesen grauen, dreckigen und trostlosen Rand der Stadt irgendwo in Rußland gekommen bin. Deutschland ist für sie ein Schlaraffenland – ohne Nöte, ohne Probleme.

Wäsche waschen am Ende der Zivilisation

Ich bin in Rustaj, einem 700 Seelendorf, das die Verbindung mit dem 100 Kilometer entfernten Nishnij Nowgorod nur über einige schwer überwindbare Sandwege hält. Am Rande des Dorfes habe ich mich in den Schatten eines Baumes gestellt und Seifenwasser für meine dreckige Wäsche vorbereitet. Plötzlich taucht eine ältere Frau vor mir auf, die mir etwas ungläubig beim Wäsche waschen zuguckt. Nach einer Weile fragt sie lächelnd, ob sie mir helfen könne, aber ich lehne dankend ab, denn ein paar dreckige T-Shirts und Socken bekomme ich auch alleine sauber.

Dann schaut sie in meine kleine Wanne und fragt, womit ich die Wäsche wasche. Verwundert zeige ich ihr meine Kernseife, worauf sie mir kopfschüttelnd erklärt, daß man die Sachen damit äußerst schlecht sauber bekomme. Es hat den Anschein, daß der guten Frau etwas daran gelegen ist, daß ich nicht mit dreckigen Hemden durch die Gegend laufe, denn sie will sich sogleich auf den Weg in den Dorfladen machen und mir Waschmittel kaufen. Mit größter Mühe und nur unter dem Versprechen, mir beim nächsten mal Waschmittel zu benutzen, läßt sie sich davon abhalten.

Inzwischen hat sie natürlich längst mitbekommen, daß ich aus Deutschland komme, was die Lehrerin der Rustajer Dorfschule sehr erfreut. Sie kenne Deutschland ein bißchen, sagt sie, denn sie hat früher mit ihrem Mann dort für vier oder fünf Jahre gelebt. Wie sich herausstellte, wohnte sie nur ein paar Kilometer von meinem Zuhause entfernt, in Wünsdorf und in Potsdam.

Nachdem ich ihr erzählt habe, wie es jetzt in Wünsdorf aussieht, erzählt sie mir voller Stolz von ihren Besuchen in Berlin. Besonders gut hat sie das Brandenburger Tor und natürlich das Ehrenmal für die sowjetischen Soldaten im Treptower Park in Erinnerung und sogleich beginnt sie, ein Gedicht über das Treptower Denkmal und die Helden der Sowjetarmee zu rezitieren.

Da sie weiter mußte, verabschiedeten wir uns und ich blieb etwas verwundert zurück. Daß ich weit ab der Zivilisation in einem verschlafenem russischen Dörfchen , in dem die Mehrzahl der Einwohner noch in Holzhäusern wohnt, Menschen treffe, die lange Zeit in Deutschland gelebt haben, hätte ich nicht gedacht.

Taubstumm, doch nicht dumm

Moskau – Jaroslawler Bahnhof. Ich stehe in der Schlange vor dem Fahrkartenschalter, um mein Ticket nach Nishnij Nowgorod zu kaufen. An der Kasse finden die üblichen Diskussionen statt. Kurz bevor der vor mir anstehende Mann an der Reihe ist, dreht er sich hektisch um und fordert mit seltsam klingenden Geräuschen und wild gestikulierend einen Kugelschreiber und einen Zettel von mir. Ich gebe ihm etwas verwundert beides und bemerke erst jetzt, daß der Mann weder richtig sprechen, noch etwas hören kann. Er schreibt der Dame am Fahrkartenschalter seinen Reisewunsch auf und verlangt die Karte zum halben Preis für Invaliden. Wer Russen hinter einem Schalter oder Schreibtisch kennt, der kann sich vorstellen, was nun geschieht. Die Dame erklärt dem Mann, daß er einen Behindertenausweis vorlegen müsse, um die Fahrkarte zum halben Preis zu bekommen. Diese Erklärung wiederholt die Dame mehrere Male, bis sie endlich begreift, daß der Mann sie nicht versteht. Völlig genervt schreibt sie ihm nun die Erklärung auf den Schmierzettel. Als der taubstumme Mann dies ließt, flippt er fast aus, denn für den vollen Fahrpreis reichte sein Geld nicht. Doch alles Betteln und Diskutieren hilft nicht, er muß den vollen Preis bezahlen, da die Dame seinen Behindertenausweis nicht akzeptiert.

Da mich die ganze Diskussion nervt und ich endlich meine Fahrkarte haben möchte, gebe ich dem Mann, dem nur ein paar Rubel für sein Billet fehlen, einen 50 Rubelschein, damit er seine Fahrkarte bekommt. Er bedankt sich und gibt den Schein der Dame hinter dem Schalter. Sogleich gibt die Fahrkartenverkäuferin dem Mann sein Ticket und das Wechselgeld. Die Scheine vom zurückgegebenen Geld steckt er fluchs in seine Tasche, bedankt sich bei mir und will mir die Wechselmünzen zurückgeben. Staunend schaue ich in seine Hand mit den Rubel- und Kopekenstücken und signalisiere ihm, daß er sie behalten kann. Nicht, daß ich um meine paar Rubel trauere, aber etwas verwirrt hat mich seine Schlitzohrigkeit schon.

Chongar

Während meiner Wolgogradreise im September vergangenen Jahres treffe ich auf einem Kulturfest einen jungen Mann aus der Republik Kalmückien. Wir kennen uns vom sehen schon, da ich wenige Tage zuvor in der nordkalmückischen Stadt Malye Derbety zu Besuch war und wir uns dort bereits getroffen haben. Auf dem Kulturfest im Süden Wolgograds kommen wir beide ins Gespräch. Er heißt Chongar, ist ungefähr Ende 20, Kalmücke und kommt aus dem kleinen kalmückischen Dorf Iki Buchus. Er arbeite in der Gebietsverwaltung des nördlichsten kalmückischen Kreises, in Malye Derbety, etwa 100 Kilometer südlich von Wolgograd. Dort, so sagt er, sei er für den Sport zuständig. Außerdem arbeite er noch als Lkw-Fahrer, um sich etwas Geld dazu zu verdienen. Aber der Sport, namentlich Fußball, ist seine große Leidenschaft. In seinem Heimatdorf betreut er die örtliche Fußballmannschaft, die – so erzählt er mit einigem Stolz – zumindest in Kalmückien recht erfolgreich ist.

Daß ich aus Deutschland bin, freut ihn sehr, denn so hat er endlich jemanden gefunden, mit dem er über den deutschen Fußball, die Bundesliga und die Nationalmannschaft reden kann. Mein Versuch, seine Begeisterung über die Klasse der deutschen Auswahlmannschaft etwas zu bremsen, hat wenig Erfolg. Über die aktuelle deutsche Mannschaft, gibt er zu, weiß er leider zu wenig, aber die großen Spieler aus der Vergangenheit, die kennt er alle. So zählen wir gemeinsam die Spieler der Weltmeisterelf von 1990 auf und kommen schließlich auf Uli Stein, Torwartgröße aus den 80er Jahren, zu sprechen. Der, so habe er gelesen, hat ein Buch geschrieben, über den deutschen Fußball und Doping in der Bundesliga. Leider habe ich das Buch nie gelesen und kann ihm daher nichts näheres darüber erzählen, doch sein Wissensdurst über die Geschehnisse in der Bundesliga kann ich ganz gut stillen.

Schließlich kommen wir auf sein kleines Dorf Iki Buchus zu sprechen, und Chongar ist erstaunt, daß ich es kenne und sogar schon einmal besucht habe. Irgendwann müssen wir uns voneinander verabschieden und Chongar lädt mich ein, ihn einmal zu besuchen, in Iki Buchus. Ich solle einfach vorbeikommen und im Dorf nach Chongar fragen, erklärt er mir mit einem breiten Lächeln, die Leute wüßten dann schon, zu wem ich wolle.

Gerne würde ich ihn besuchen und die warmherzige, typisch russische (bzw. kalmückische) Gastfreundschaft in Anspruch nehmen. Vielleicht klappt es ja – irgendwann.

Die tote Frau

Ich bin gerade von meiner Deutschlandreise zurück in Nishnij Nowgorod und befinde mich auf dem Weg zu Olga, “meiner” zu betreuenden Behinderten. Schon vor dem Hauseingang ihres Blockes fällt mir die kleine Gruppe von Menschen auf, die sich um ein dunkles Auto versammelt hat. An der Hauswand lehnt ein schwerer roter Sargdeckel mit dem Photo einer alten Frau darauf.

Im Treppenaufgang steht eine ältere Frau, die sich schluchzend an der Wand festhält. Sie bittet mich, ihr die Stufen hinunter zu helfen und erzählt mir von ihrer soeben verstorbenen Mutter. Achzig Jahre sei diese gewesen und sehr Schade sei es, da sie nun ganz alleine in der Wohnung leben müsse, weint sie, als ich ihr die Treppe hinunterhelfe.

Nachdem ich die Frau zu ihren wartenden Angehörigen gebracht habe, laufe ich die Treppen zu Olgas Wohnung hoch., komme jedoch nur bis zur dritten Etage. Dort kommen mir drei Männer entgegen, die den offenen Sarg hinuntertragen. Ihre Bemühungen gleichen eher denen von Möbelträgern, die einen großen sperrigen Schrank durch zu enge Treppenhäuser tragen müssen, denn der Sarg ist schwer und der dunkle Treppenaufgang zu schmal, um sich mit dem Sarg frei bewegen zu können. Erschöpft setzen sie den Sarg ab und bitten mich, ihnen zu helfen, da sie ihn alleine nicht bis unten tragen können. So mühen wir uns nun zu viert den Sarg mit der alten Frau, die so friedlich und mit einem entspannten Gesicht in ihrem Nachtkleid daliegt, als schlafe sie nur ganz tief, die Treppen Schritt für Schritt hinunter.

Es ist diese Unkompliziertheit, die ich hier in Rußland so mag. In Deutschland wäre vermutlich niemand auf die Idee gekommen, einen vorbeilaufenden Passanten zu fragen, ob dieser beim Sargtragen helfen könne.

Ausblick

Bis Anfang Oktober werde ich wohl noch in Rußland bleiben können. Die Hälfte dieser Zeit werde ich noch in Nishnij Nowgorod arbeiten und wenn die neuen Friedis eingearbeitet sind, werde ich mich auf den Weg machen, Rußland zu erkunden. Wo genau ich hinreisen werde, steht noch nicht fest, aber es gibt schon einige Pläne. Von diesen Unterncehmungen werde ich sicherlich in meinem nächsten Rundbrief viel berichten können.

Liebe Leser! Da unser Staat für den Friedensdienst im Ausland keinen Sold wie für die Soldaten bzw. Zivildienstleistenden in Deutschland zahlt, sind meine Trägerorganisation, die Gesellschaft für Deutsch-Russische Begegnungen Essen (und damit auch ich), auf Spenden angewiesen. Wenn Sie uns unterstützen wollen, können Sie gerne auf folgendes Konto spenden:

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Stichwort: Martin
Spendenkonto:3351 432
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BLZ: 36010043
(wird eine Adresse angegeben, so erhält der Spender eine Spendenquittung)

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