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	<title>Martin Brand</title>
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	<description>Nichts ist mächtiger als eine Idee, deren Zeit gekommen ist</description>
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		<title>Rezension: Fußball total!</title>
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		<pubDate>Mon, 14 May 2012 07:54:28 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Martin Brand</dc:creator>
				<category><![CDATA[Geschriebenes]]></category>

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		<description><![CDATA[Pünktlich zur Fußball-Europameisterschaft in Polen und der Ukraine sind zwei Bücher erschienen, die mit liebevollen Stadtportraits und in grotesken Erzählungen einen ungewohnten Blick auf die Gastgeberländer werfen. Literarische Streifzüge jenseits tagespolitischer Kontroversen und gänzlich ohne Uefa-Hochglanzrhetorik. Eine Rezension von Martin &#8230; <a href="http://martin-brand.de/geschriebenes/rezension-fusball-total/">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: justify;"><img class="alignleft size-medium wp-image-570" title="Totalniy Futbol – Eine polnisch-ukrainische Fußballreise (c) Suhrkamp Verlag" src="http://martin-brand.de/wp-content/uploads/Zhadan-180x300.jpg" alt="Cover" width="180" height="300" /><strong>Pünktlich zur Fußball-Europameisterschaft in Polen und der Ukraine sind zwei Bücher erschienen, die mit liebevollen Stadtportraits und in grotesken Erzählungen einen ungewohnten Blick auf die Gastgeberländer werfen. Literarische Streifzüge jenseits tagespolitischer Kontroversen und gänzlich ohne Uefa-Hochglanzrhetorik.</strong></p>
<p style="text-align: justify;">Eine Rezension von Martin Brand</p>
<p style="text-align: justify;">Berlin (n-ost) – Literatur und Fußball? Das geht doch nicht zusammen! Das passt so wenig wie Gesang zu Franz Beckenbauer oder gestandene Frauen zu Lothar Matthäus. Unter ukrainischen und polnischen Schriftstellern scheint sich diese Weisheit jedoch noch nicht herumgesprochen zu haben. Denn sonst hätten sie nicht kurz vor der Fußball-Europameisterschaft in ihrem Land den mutigen Versuch unternommen, die beiden so ungleichen Genres in Kurzgeschichten und Stadtportraits zu vereinen. Das Wagnis aber ist geglückt und kann in gleich zwei Büchern nachgelesen werden, die wenige Wochen vor Beginn der EM auf Deutsch erschienen sind.</p>
<p style="text-align: justify;">Für den Band „Totalniy futbol – Eine polnisch-ukrainische Fußballreise“ hat der junge ukrainische Schriftsteller Serhij Zhadan vier polnische und vier ukrainische Autoren gebeten, die Austragungsorte der EM zu porträtieren und den tiefgreifenden politischen Wandel in der Region auf das Leben und den Fußball zu beschreiben. Der ukrainische Schriftsteller Juri Andruchowytsch nimmt sich der Kiewer Trainerlegende Valeri Lobanowskyj an und beschreibt an dessen Karriere, welche Folgen der Zerfall des sowjetischen Imperiums für den ukrainischen Fußball hatte. Seine polnische Kollegin Natasza Goerke hingegen bekennt freimütig, nur rudimentäre Kenntnisse des Fußballspiels zu besitzen. Umso amüsanter ist die von feiner Ironie begleitete Beschreibung ihrer Heimatstadt Posen.  Am eindrucksvollsten aber gelingt es dem Danziger Schriftsteller Paweł Huelle Fußball- und Stadtgeschichte zu verweben.</p>
<p style="text-align: justify;">Huelle lässt den alten Danziger Fußballfan Herrn Janek erzählen, wie er als junger Mann seinen Verein Lechia Gdańsk mit zwei Toren gegen Legia Warschau vor dem Abstieg rettete oder wie er als kleiner Junge das Spiel zwischen dem jüdischen Klub Makkabi Drohobycz und dem polnischen Verein Gedania Gdańsk in der von den Nazis schon fast vollständig beherrschten Freien Stadt Danzig sah. Während sich auf dem Fernsehschirm im Pub Hooligans aus Gdańsk und Gdynia prügeln, berichtet Herr Janek von Straßenschlachten mit der Miliz Anfang der 1980er Jahre, als dabei „Keine Freiheit ohne Solidarność“ geschrien wurde.</p>
<p style="text-align: justify;"><img class="alignleft size-medium wp-image-579" title="Wodka für den Torwart (c) edition.fotoTAPETA" src="http://martin-brand.de/wp-content/uploads/cover_wodka-177x300.jpg" alt="Cover" width="177" height="300" />Im Band „Wodka für den Torwart“ sind gleich elf Fußballgeschichten ukrainischer Autoren versammelt. Skurrile Erzählungen von einem vertauschten Fußballstar, KGB-Offizieren und kickenden Priesteranwärtern, Kindern im Fußballfieber oder einem zum Fußballspielen gezwungenen Computerfreak wechseln sich ab mit erhellenden Essays über den Fußball des Landes. Die Erzählungen lassen sich leicht und locker lesen. Zwischen allen Zeilen aber klingt ganz subtil eine Beschreibung der komplizierten Geschichte und eines nicht immer leichten Lebens in der Ukraine hindurch.</p>
<p style="text-align: justify;">Zum Beispiel in der Geschichte von den Priesteranwärtern, die kurz nach dem Krieg gegen Offiziere des sowjetischen Geheimdienstes Fußball spielen, gewinnen und wenig später von eben jenen ermordet werden. An der Stelle, wo sich einst das Priesterseminar befand, geschehen 30 Jahre später merkwürdige Dinge. Fußbälle und Schuhe der dort spielenden Kinder verschwinden. An ihrer Stelle tauchen alte Fußballutensilien aus der Vorkriegszeit und ein seltsamer alter Mann auf. Der Geheimdienst unterdessen tut alles, um die Ereignisse unter den Tisch zu kehren. Aus diesem Stoff spinnt der Lemberger Schriftsteller Jurij Wynnytschuk eine wundersame Fußballgeschichte über Erinnerungspolitik, sowjetische Geheimdienstmethoden und die Zeit als Lemberg zu einer sowjetischen Stadt wurde.</p>
<p style="text-align: justify;">Abseits vom Getöse der Politik und des Uefa-Marketings kurz vor Beginn der Fußball-Europameisterschaft in Polen und der Ukraine gelingt den Autoren beider Bände ein liebevoller aber nie einfältiger Blick auf ihre hierzulande noch allzu unbekannte Heimat. Der Fußball ist ihr Vehikel, um von der Wirklichkeit und der Vergangenheit, von Hoffnungen und Umbrüchen im östlichen Europa zu erzählen. Wer ein offenes Ohr für die Region hat und der Faszination des Fußballs nicht gänzlich abgeneigt ist, wird in beiden Büchern eine kurzweilige Begleitlektüre zum sommerlichen Fußballspektakel finden.</p>
<p style="text-align: justify;"><em>Serhij Zhadan (Hg.): Totalniy futbol – Eine polnisch-ukrainische Fußballreise. Übersetzt von Lisa Palmes, Berlin, Suhrkamp Verlag 2012, 242 Seite, 18,– €</em></p>
<p><em>Translit e.V.: Wodka für den Torwart. 11 Fußballgeschichten aus der Ukraine, edition.fotoTAPETA Berlin 2012, 207 Seiten, 12,80 €</em></p>
<p><a href="http://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/3.0/de/" rel="license"><img style="border-width: 0;" src="http://i.creativecommons.org/l/by-nc-nd/3.0/de/88x31.png" alt="Creative Commons Lizenzvertrag" /></a><br />
Dieser Text steht unter einer <a title="Creative Commons" href="http://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/3.0/de/" rel="license" target="_blank">Creative Commons Namensnennung-NichtKommerziell-KeineBearbeitung 3.0 Deutschland Lizenz</a>.</p>
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		<title>Rezension: Totalniy Futbol</title>
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		<pubDate>Mon, 14 May 2012 07:42:20 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Martin Brand</dc:creator>
				<category><![CDATA[Geschriebenes]]></category>

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		<description><![CDATA[Serhij Zhadan, Hg.: Totalniy Futbol – Eine polnisch-ukrainische Fußballreise. Übersetzt von Lisa Palmes. Berlin: Suhrkamp Verlag 2012. 242 S. 18,– € Eine Rezension von Martin Brand Kurz vor der Fußball-Europameisterschaft in Polen und der Ukraine hat der ukrainische Schriftsteller Serhij Zhadan &#8230; <a href="http://martin-brand.de/geschriebenes/rezension-totalniy-futbol/">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: justify;"><em><img class="alignleft size-full wp-image-570" title="Totalniy Futbol – Eine polnisch-ukrainische Fußballreise (c) Suhrkamp Verlag" src="http://martin-brand.de/wp-content/uploads/Zhadan.jpg" alt="Cover" width="200" height="333" /></em><strong>Serhij Zhadan, Hg.: Totalniy Futbol – Eine polnisch-ukrainische Fußballreise. Übersetzt von Lisa Palmes. Berlin: Suhrkamp Verlag 2012. 242 S. 18,– €</strong></p>
<p style="text-align: justify;">Eine Rezension von Martin Brand</p>
<p style="text-align: justify;">Kurz vor der Fußball-Europameisterschaft in Polen und der Ukraine hat der ukrainische Schriftsteller Serhij Zhadan vier polnische und vier ukrainische Autoren gebeten, die Austragungsorte der EM zu porträtieren und zu erzählen, wie sich der tiefgreifende politische Wandel in der Region auf das Leben und den Fußball ausgewirkt hat. Zhadan stellt die Gastgeberstädte der EM aus der Sicht jener Menschen vor, die den Fußball zu ihrer Herzensangelegenheit gemacht haben, die für das Spiel leben und mit ihrem Klub leiden. Die acht Porträts verbinden den Sport und die Eigenarten der Stadt – je nach Autor liegt der Schwerpunkt mal auf Geschichte und Charakter der Stadt, mal auf dem Fußballsport. Der Fotograf Kirill Golovchenko ergänzt den Band mit Schwarz-Weiß Bildern, die im Kontrast zu den PR-Fotos der EM-Organisatoren Momentaufnahmen des Fußballs und der sozialen Verhältnisse in Polen und der Ukraine einfangen.</p>
<p style="text-align: justify;">Paweł Huelle lässt den alten Danziger Fußballfan Herrn Janek erzählen, wie er als junger Mann seinen Verein Lechia Gdańsk mit zwei Toren gegen Legia Warschau vor dem Abstieg rettete oder wie er als kleiner Junge das Spiel zwischen dem jüdischen Klub Makkabi Drohobycz und dem polnischen Verein Gedania Gdańsk in der von den Nazis schon fast vollständig beherrschten Freien Stadt Danzig sah. Während sich auf dem Fernsehschirm im Pub Hooligans aus Gdańsk und Gdynia prügeln, berichtet Herr Janek von Straßenschlachten mit der Miliz Anfang der 1980er Jahre, als dabei „Keine Freiheit ohne Solidarność“ geschrien wurde. So blickt Huelle auf zwei zentrale Themen der Stadt: die deutsche Vergangenheit und die Solidarność.</p>
<p style="text-align: justify;">Weit weniger vom Fußball geprägt ist das Stadtporträt, das Natasza Goerke von Poznań schreibt. Ihre rudimentären Kenntnisse des Fußballs bekennt sie auch gleich zu Beginn freimütig, macht dies jedoch durch eine umso amüsantere und von latenter Ironie begleitete Beschreibung polnischer und Poznańer Eigenarten wett. Der Fußballfan erfährt trotzdem, dass bereits 1912 die ersten Polen in Poznań Fußball spielten, der Eisenbahnerklub Lech Poznań der ganze Stolz der Stadt ist und dass ein alter deutscher Bunker in das renovierte EM-Stadion integriert wurde.</p>
<p style="text-align: justify;">In Wrocław verwebt Piotr Siemion geschickt die Geschichte der Stadt mit der Entwicklung des Militärsportvereins Śląsk Wrocław. Mit Trawiński, dem ältesten Mitglied der Fangemeinde Wielki Śląsk, streift er in Gedanken durch das nach dem Krieg in Schutt liegende Wrocław, erzählt von den damals aus Ostpolen neu zugezogenen Menschen, deren Erinnerung an die alte Heimat allmählich verblasste, und beschreibt, wie die Stadt seitdem an ihrer neuen Normalität baut. Zur dieser neuen Normalität gehört auch das gerade fertiggestellte EM-Stadion. Doch für Trawiński ist es zu neu; es habe nichts mehr mit seiner Tradition zu tun, die östlich des Bugs liege.</p>
<p style="text-align: justify;">Den wohl literarisch anspruchsvollsten Text des Bandes legt Marek Bieńczyk vor. Er erzählt die Lebensläufe von Vava, Kawka und Jo, die im Warschauer Stadtteil Grochów aufwuchsen, auf der rechten Seite der Weichsel, dort wo sich einst das Stadion X-lecia befand und heute das Nationalstadion steht. Mit den Lebensgeschichten und Weisheiten der einst fußballverrückten Protagonisten gelingt Bieńczyk ein feinsinniges Porträt jener Menschen, die sich im Osten Warschaus durchs Leben geschlagen haben.</p>
<p style="text-align: justify;">Nadja Snjadankos Beitrag über das westukrainische Lemberg schildert den Kampf um konkurrierende Geschichtsbilder, der die Stadt prägt. Die vielen umstrittenen Denkmäler der Stadt und das erste galizische Fußballspiel, das 1894 im Lemberger Stryjskyj-Park stattfand und das die Polen, aber auch die Ukrainer als ihr erstes Fußballspiel betrachten, sind anschauliche Beispiele. Doch letztlich diene – so Snjadanko – der Streit um die richtige Geschichtsinterpretation nur den Politikern, um von Inflation und steigenden Gaspreisen abzulenken.</p>
<p style="text-align: justify;">Juri Andruchowytsch widmet seinen Text der Kiewer Fußballlegende Valeri Lobanowskyj und der Geschichte seines Lieblingsvereins Dynamo Kiew. Er beschreibt, wie der geniale Lobanowskyj als Trainer die sowjetische Nationalmannschaft zu einer ukrainischen machte und wie er Dynamo Kiew in den 1970er und 1980er Jahren zu einer Spitzenmannschaft in Europa formte. Nach dem Zerfall des sowjetischen Imperiums habe Dynamo aber nie mehr an die erfolgreiche Zeit anschließen können – trotz des Geldes des Oligarchen Hryhorij Surkis. Und auch Lobanowskyj fiel dem Untergang der Sowjetunion zum Opfer. Zwar war er bis zu seinem Tod 2002 Trainer der ukrainischen Nationalmannschaft und von Dynamo Kiew, doch sein einziges Interesse soll in jener Zeit dem Kognak gegolten haben.</p>
<p style="text-align: justify;">Als Fan von Metalist Charkiw beschreibt Oleksandr Uschkalow seine Heimatstadt und die dortigen Vorbereitungen auf die Fußball-Europameisterschaft. Er erzählt von der Geschichte des Metalist-Stadions und von den Fußballmannschaften der Stadt, die sich zu Beginn des Jahrhunderts Namen wie Zap-Zarap, Maulwürfe, Barfüßer oder Hungerleider gaben. Nur über den einflussreichen Oligarchen und Mäzen von Metalist Charkiw Oleksandr Jaroslawskyj erfährt man auffallend wenig.</p>
<p style="text-align: justify;">Schließlich porträtiert Serhij Zhadan den Verein Schachtar Donezk, der erst mit dem Einstieg des Oligarchen Rinat Achmetow 1996 wirkliche Erfolge verbuchen konnte. Zhadan spricht mit örtlichen Ultra-Fans, besucht die neue Donbas-Arena und befasst sich mit dem ideologischen und propagandistischen Potential der EM. Sein Fazit: Fußball und Politik sind in der Ukraine so eng miteinander verbunden, dass ein sportliches und finanzielles Scheitern der EM jener kleine Tropfen wäre, der das Fass der gesellschaftlichen Duldsamkeit mit der „totalen Korruption“ in der ukrainischen Politik zum Überlaufen brächte.</p>
<p style="text-align: justify;">Der Essayband Totalniy futbol ist ein äußerst lesenswerter literarischer Streifzug durch die Austragungsorte der Fußball-Europameisterschaft. Das Buch ist allerdings keine umfassende Fußballenzyklopädie Polens und der Ukraine. Viele erzählenswerte Geschichten aus dem polnischen und ukrainischen Fußball fehlen. Manchmal wünscht man sich auch eine tiefere Analyse politischer und gesellschaftlicher Themen, etwa zur Rolle der ukrainischen Oligarchen bei der Vorbereitung der EM oder zu sozialen Auswirkungen der teuersten Europameisterschaft aller Zeiten. Doch das ist nicht der Anspruch des Bandes. Den Autoren ging es darum, den Fußball als Teil ihrer Stadtgeschichte zu entdecken. Das ist ihnen mit ihren kurzweiligen Essays gänzlich gelungen.</p>
<p><em>Erschienen in: <a title="Osteuropa" href="http://www.osteuropa.dgo-online.org/issues/issue.2012.1334899200000" target="_blank">Osteuropa</a> 03/2012, S. 181-183</em></p>
<p><a href="http://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/3.0/de/" rel="license"><img style="border-width: 0;" src="http://i.creativecommons.org/l/by-nc-nd/3.0/de/88x31.png" alt="Creative Commons Lizenzvertrag" /></a><br />
Dieser Text steht unter einer <a title="Creative Commons" href="http://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/3.0/de/" rel="license" target="_blank">Creative Commons Namensnennung-NichtKommerziell-KeineBearbeitung 3.0 Deutschland Lizenz</a>.</p>
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		<title>Orangebraune Gesinnungen</title>
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		<pubDate>Thu, 01 Mar 2012 18:53:07 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Martin Brand</dc:creator>
				<category><![CDATA[Geschriebenes]]></category>

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		<description><![CDATA[Lemberg hat sich 100 Tage vor dem EM-Start herausgeputzt. Doch die Stadt hat auch eine weniger schöne Seite: Lemberg ist eine Hochburg der rechtsextremen Partei Swoboda (Freiheit) und den Fans des lokalen Erstligisten Karpaty Lviv wird eine rechte Gesinnung nachgesagt. &#8230; <a href="http://martin-brand.de/geschriebenes/orangebraune-gesinnungen/">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: justify;"><strong><a href="http://martin-brand.de/wp-content/uploads/Lemberg_taz.pdf"><img class="alignleft size-full wp-image-521" title="Lemberg_taz" src="http://martin-brand.de/wp-content/uploads/Lemberg_taz.jpg" alt="" width="199" height="300" /></a>Lemberg hat sich 100 Tage vor dem EM-Start herausgeputzt. Doch die Stadt hat auch eine weniger schöne Seite: Lemberg ist eine Hochburg der rechtsextremen Partei Swoboda (Freiheit) und den Fans des lokalen Erstligisten Karpaty Lviv wird eine rechte Gesinnung nachgesagt.</strong></p>
<p style="text-align: justify;"><em>Von Martin Brand und Robert Kalimullin</em></p>
<p style="text-align: justify;">In der Altstadt bevölkern fröhliche junge Menschen die Cafés. Warme Sonnenstrahlen verleihen den langsam vor sich hin bröckelnden Jugendstilhäusern und gepflasterten Gassen einen ganz eigenen Charme. So beschaulich werden die Fußballfans im Sommer das westukrainische Lemberg (Lviv) erleben, wenn die deutsche Nationalmannschaft dort im Sommer zwei ihrer EM-Vorrundenspiele austrägt.</p>
<p style="text-align: justify;">Lemberg hat aber auch ein anderes Gesicht: die Stadt ist eine Hochburg der rechtsextremen Partei Swoboda (Freiheit), den Fans des lokalen Erstligisten Karpaty Lviv wird eine rechte Gesinnung nachgesagt. Was ist dran an diesem wenig sympathischen Bild einer Stadt, die für ihre multikulturelle Geschichte und ihren Enthusiasmus in der Orangenen Revolution bekannt ist?</p>
<p style="text-align: justify;">„Banderstadt, Banderstadt!“, hallt es immer wieder durchs Stadion, wenn Karpaty Lviv antritt. Die Ultras, die treuesten Fans des Vereins, deren Fankurve der Wahlspruch Lembergs ziert – „Zavschdy virni“, Allzeit treu – entrollen zu den Rufen eine große Flagge. Sie ist in Rot und Schwarz gehalten und von einem Porträt geschmückt, dessen Ästhetik an das berühmte Konterfei Che Guevaras erinnert. Das Gesicht mit dem strengen Blick und den markanten Geheimratsecken gehört Stepan Bandera (1909–1959), einer der kontroversesten Gestalten der jüngeren ukrainischen Geschichte.</p>
<h3 style="text-align: justify;">Umstrittener Kult um Bandera</h3>
<p style="text-align: justify;">Als Anführer der Organisation Ukrainischer Nationalisten (OUN) kämpfte Bandera im Zweiten Weltkrieg für eine unabhängige Ukraine. Dieser Kampf war gleichzeitig auch ein Kampf gegen die ansässigen Polen und Juden und gegen die Sowjetunion. Dafür, so der Vorwurf, kollaborierte Bandera mit den Nazis. Dementsprechend gilt „Banderovcy“, Bandera-Leute, unter Russen, aber auch in der Ostukraine, als Schimpfwort, mit dem die Westukrainer tituliert werden.</p>
<p style="text-align: justify;">In Lemberg ist man jedoch weit entfernt davon, sich beleidigt zu fühlen, und hat Stepan Bandera zu so etwas wie einem Popidol gemacht. Nach ihm sind Straßen benannt, am liebsten hätten die Lemberger auch den zur EM frisch renovierten Flughafen auf seinen Namen getauft. Die Souvenirläden verkaufen Streichholzschachteln, Anstecker und T-Shirts mit Bandera-Schriftzug.</p>
<p style="text-align: justify;">Der Name „Banderstadt“ ist auf Graffitis allgegenwärtig – gemünzt auf den Fußballverein Karpaty, gerne auch in Fraktur geschrieben und oft in Verbindung mit dem sogenannten Keltenkreuz: ein Kreuz innerhalb eines Kreises, das Rechtsextremisten international als Erkennungszeichen dient.</p>
<h3 style="text-align: justify;">&#8220;Wir sind rechts, aber nicht rechtsradikal&#8221;</h3>
<p style="text-align: justify;">Ist der Erstligist aus der Stadt mit der multikulturellen Geschichte also ein Sammelbecken für Anhänger mit stramm rechter Gesinnung? Danilo Nikulenko kennt diese Frage. „Karpaty gilt in der Ukraine als rechter Verein“, redet der Pressesprecher des Clubs nicht lange um den heißen Brei herum. Um gleich nachzusetzen: „Aber wir sind nicht rechtsradikal.“ Als Beleg führt er Initiativen an wie ein in Zusammenarbeit mit der europäischen Initiative Fare (Football Against Racism in Europe) ausgerichtetes Fanturnier.</p>
<p style="text-align: justify;">Die Ukraine habe sich hinter dem Eisernen Vorhang anders entwickelt als der Westen Europas, wirbt Nikulenko um Verständnis, daher könne man die politischen Kategorien aus Deutschland nicht so ohne weiteres auf sein Land übertragen.</p>
<p style="text-align: justify;">„In Galizien hatte im zweiten Weltkrieg jede zweite Familie einen Angehörigen bei den Partisanen“, erklärt der Lemberger Journalist und Übersetzer Juri Durkot den in seiner Heimatregion tief verwurzelten Kult um Partisanenführer Stepan Bandera. Durkot erinnert sich an Klassenfahrten zu sowjetischen Zeiten: Wenn die Ukrainer andernorts als „Banderovcy“ bezeichnet wurden, habe dabei durchaus immer auch etwas Furcht und Respekt vor dem bewaffneten Freiheitskampf mitgeschwungen.</p>
<p style="text-align: justify;">Ihr Streben nach Unabhängigkeit mussten die Menschen in Galizien, das vor dem Krieg zu Polen gehörte, in der Sowjetunion teuer bezahlen: Jede zweite Familie, so Durkot, habe auch Angehörige gehabt, die unterdrückt wurden, etwa durch Verbannungen nach Sibirien.</p>
<h3 style="text-align: justify;">Rechte Wirklichkeit &#8211; Rechte Fassade</h3>
<p style="text-align: justify;">Vielleicht hilft diese historische Erfahrung, zu erklären, warum im heutigen Lemberg radikale Parolen wieder populär sind. Die rechtsextreme Partei Swoboda, die bei Wahlen regelmäßig den Einzug ins ukrainische Parlament verfehlt, hat im Westen des Landes ihre Hochburg. In den Wahlen zum Lemberger Gebietsparlament erhielt Swoboda knapp 26 Prozent der Stimmen und stellt nun mehr als ein Drittel der Abgeordneten.</p>
<p style="text-align: justify;">Die Partei, die nahe dem Denkmal für Nationaldichter Taras Schewtschenko regelmäßig mit einem Stand präsent ist, macht offen Stimmung mit antisemitischen Parolen und schürt den Hass auf die „Besatzer“ aus Russland.</p>
<p style="text-align: justify;">Hat sich der orangene Traum von 2004 in Lemberg inzwischen also in einen braunen Alptraum verwandelt? Nicht immer ist es einfach, zwischen Ideologie und Inszenierung zu unterscheiden. Eine der populärsten Kneipen Lembergs ist die „Partisanenhöhle“ direkt am Marktplatz. Wer Einlass begehrt, muss das Passwort kennen: „Slava Ukraini“ – Ehre der Ukraine, worauf der Türsteher die obligatorische Antwort „Herojam Slava“ (Ehre den Helden) gibt.</p>
<p style="text-align: justify;">Drinnen kann man zwischen zwei Bier auf ein Stalinporträt schießen oder sich in Partisanenmontur fotografieren lassen. Also eine echt ukrainisch-nationalistische Kneipe? Ein älterer Passant winkt ab: „Herojam Slava? Das ist alles Geschäft, die Betreiber sind doch sowieso Russen.“</p>
<p style="text-align: justify;"><em>Erschienen in: <a title="Orangebraune Gesinnungen" href="http://www.taz.de/Fussball-EM-Stadt-Lemberg/!88700/" target="_blank">tageszeitung</a>, 29. Februar 2012</em></p>
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		<title>Polnisch-ukrainischer Streit um ein Eröffnungsspiel</title>
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		<pubDate>Mon, 12 Dec 2011 13:59:39 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Martin Brand</dc:creator>
				<category><![CDATA[Geschriebenes]]></category>

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		<description><![CDATA[Im nächsten Jahr sind Polen und die Ukraine EM-Austragungsland. Und in welchem der beiden Länder fand das historisch erste Fußballspiel statt? Das will man jetzt wissen. Unbestritten ist nur eins: 1894 fand im Stryjski-Park in Lemberg (damals Österreich-Ungarn, heute Lviv, &#8230; <a href="http://martin-brand.de/geschriebenes/polnisch-ukrainischer-streit-um-ein-eroffnungsspiel/">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: justify;"><strong><a href="http://martin-brand.de/wp-content/uploads/denkmal_stryskijpark4.jpg"><img class="alignleft size-medium wp-image-497" title="SONY DSC" src="http://martin-brand.de/wp-content/uploads/denkmal_stryskijpark4-199x300.jpg" alt="" width="199" height="300" /></a>Im nächsten Jahr sind Polen und die Ukraine EM-Austragungsland. Und in welchem der beiden Länder fand das historisch erste Fußballspiel statt? Das will man jetzt wissen. Unbestritten ist nur eins: 1894 fand im Stryjski-Park in Lemberg (damals Österreich-Ungarn, heute Lviv, Ukraine) ein Fußballspiel gegen eine Auswahl aus Krakau statt. Doch wer sich dieses „Eröffnungsspiel“ zwischen beiden Ländern auf seine Fahnen schreiben darf, ist in dem aktuellen EM-Austragungsort weniger als ein Jahr vor dem Turnier umstritten: war es das erste polnische Fußballspiel? Oder das erste ukrainische? Der bizarre Geschichtsstreit führt ein in die komplizierte Geschichte einer Stadt, die im Laufe des 20. Jahrhunderts fünf verschiedenen Herrschaftsgebieten angehörte.</strong></p>
<p style="text-align: justify;"><em>Von Martin Brand und Robert Kalimullin</em></p>
<p style="text-align: justify;">Ganze sechs Minuten dauerte das erste polnische Fußballspiel vor über einhundert Jahren. So steht es in den Geschichtsbüchern. In der Ukraine indes sieht man das völlig anders und beansprucht das Match für die eigene Sportgeschichte. Die Folge ist ein bizarrer Streit zwischen den beiden Gastgeberländern der Fußball-Europameisterschaft 2012 – die mit dem sportlichen Großereignis eigentlich „Gemeinsam Geschichte schreiben“ wollten.</p>
<p style="text-align: justify;">Ein Blick zurück ins Jahr 1894: An einem warmen Samstagnachmittag treten im galizischen Lemberg zwei Mannschaften zum Fußballspielen an. Vor gut zehntausend Zuschauern eines Turnfestes beginnt am 14. Juli im Stryjski-Park um 17.00 Uhr das erste offizielle Fußballspiel der Stadt. Zu Gast sind junge Sportsfreunde aus Krakau. Teilnehmer berichten von einem chaotischen Spiel. Weder Zuschauer noch Spieler kennen sich recht mit den Regeln aus. Die Spieler wissen nur eins: der Ball muss irgendwie zwischen den Fahnenstangen des Gegners untergebracht werden. Es geht wild hin und her beim Kampf um den Ball, doch nach sechs Minuten erzielt Włodzimierz Chomicki – aus abseitsverdächtiger Position – das 1:0 für die Gastgeber. Trotz des Protests des Schiedsrichters und der Krakauer Mannschaft wird die erste Fußballpartie der Stadt nach dem Tor jedoch beendet und Platz gemacht für die nächsten Sportler – Gymnasten, die dem Publikum ihre Gruppenübungen demonstrieren.</p>
<h3 style="text-align: justify;">Ein Denkmal des ukrainischen Fußballs?</h3>
<p style="text-align: justify;">Heute erinnert im Lemberger Stryjski-Park ein Denkmal an das historische Match. Ein Falke, Symbol der slawischen Sportbewegungen Ende des 19. Jahrhunderts, thront dort auf einem Fußball. Darunter die Inschrift: „Lviv – Heimat des ukrainischen Fußballs“. Lviv, Austragungsort der Euro 2012, zu Deutsch Lemberg, heißt auf Polnisch Lwów. Und da die heute ukrainische Stadt im vorvergangenen Jahrhundert mehrheitlich von Polen bewohnt war, betrachten diese jenes Spiel eben als Beginn der polnischen Fußballgeschichte.</p>
<p style="text-align: justify;">So schreibt denn auch der Warschauer Sportjournalist Stefan Szczepłek, das Fußballspiel von 1894 habe auf polnischem Boden stattgefunden. Und sein Lemberger Kollege Oleksander Pauk stimmt ihm zu: „Es war ein polnisches Fußballspiel!“. Mitglieder der Sokol-Bewegung aus Lemberg und Krakau haben die Partie bestritten. Und diese Sokol-Bewegung – Sokół ist das polnische Wort für Falke – war eine populäre Turnvereinigung, die neben der körperlichen Ertüchtigung vor allem das polnische Nationalbewusstsein pflegte. „Vom Beginn des ukrainischen Fußballs am 14. Juli 1894 kann man deshalb gewiss nicht sprechen. Bestenfalls war es das erste Lemberger Fußballspiel“, erläutert Pauk.</p>
<p style="text-align: justify;">Von einem polnischen Spiel aber will Yaroslav Hryso nichts wissen. „Es konnte gar kein polnisches Spiel sein, denn zu dieser Zeit existierte Polen überhaupt nicht“, sagt der Präsident des Ukrainischen Fußballverbands in Lemberg. Die Ukraine gab es zwar auch nicht. „Aber die Stadt war und ist ethnisch ukrainisches Gebiet, und deshalb war die Begegnung im Stryjski-Park das erste ukrainische Fußballspiel“, meint Hryso. Dieses Verdikt entspricht der offiziellen Sichtweise in der Ukraine: Das Spiel von 1894 gilt dem ukrainischen Fußballverband als Geburtsstunde des nationalen Fußballs, was der Verband so bereits 1999 der Uefa mitgeteilt hat. 2004 zog das ukrainische Parlament nach und verordnete offizielle Feierlichkeiten zum 110. Jahrestag des ersten Fußballspiels. Die Geschichtsinterpretationen auf die Spitze trieb allerdings eine große Brauerei des Landes. Eigens zum 115-jährigen Jubiläum des Fußballs in der Ukraine brachte sie ein Bier auf den Markt. In der entsprechenden Werbung hieß es, „die Ukraine“ habe 1894 Polen mit 1:0 besiegt.</p>
<h3 style="text-align: justify;">Streit zweier Länder, die es seinerzeit gar nicht gab</h3>
<p style="text-align: justify;">Der Streit zwischen Polen und der Ukraine um das erste Fußballspiel lässt ein wenig von der komplizierten Geschichte beider Länder erahnen. Tatsächlich gibt es Ende des 19. Jahrhunderts weder Polen noch die Ukraine auf der europäischen Landkarte. Lemberg ist damals Hauptstadt des Kronlandes Galizien und Lodomerien, einer Provinz der österreichisch-ungarischen k. und k. Monarchie. Es ist eine multikulturelle, vielsprachige Stadt. Ein bunter Fleck im Osten Europas, eine kleine Filiale der großen Welt, schwärmt der österreichische Schriftsteller Joseph Roth von der ostgalizischen Stadt. Jeder zweite Einwohner ist Pole, neben Juden und Ukrainern leben auch Armenier, Deutsche und Angehörige zahlloser anderer Nationalitäten in Lemberg.</p>
<p style="text-align: justify;">Zwischen den beiden Weltkriegen gehört die Stadt zum wieder unabhängig gewordenen polnischen Staat. Sie ist zu jener Zeit ein Zentrum der polnischen Kultur, aber auch Hort des ukrainischen Nationalbewusstseins und Wiege der ukrainischen Nation. Als der Berliner Schriftsteller Alfred Döblin die Stadt 1924 besucht, trifft er auf einen „furchtbar intensiven Völkerkampf“ zwischen Polen und Ukrainern. Er schreibt: „Diese Stadt liegt in den Armen zweier Gegner, die sich darum reißen. Im Hintergrund und unterirdisch wühlen Feindschaft und Gewalt.“ Und weiter konstatiert Döblin: „Hier lassen sich Land und Volk nicht voneinander abgrenzen; sie sind ineinander verschoben.“</p>
<p style="text-align: justify;">Am Ende des Zweiten Weltkriegs aber geschieht genau das: die Grenzen Polens werden nach Westen verrückt. Aus dem polnisch dominierten Lwów wird das ukrainische Lviv. Die meisten Polen müssen Lemberg verlassen, unter ihnen auch Włodzimierz Chomicki, der Torschütze aus dem Stryjski-Park.</p>
<p style="text-align: justify;">Wie für so viele andere Nationen galt auch für Polen und Ukrainer lange Zeit, dass ihre gemeinsame Geschichte ebenso verbindet wie sie trennt. Doch gerade seit der „Orangen Revolution“ in der Ukraine 2004, die in Polen auf warme Sympathie und Unterstützung traf, ist Bewegung in das Verhältnis der beiden Länder gekommen. Polen gilt innerhalb der EU als größter Anwalt seines östlichen Nachbarn. Mit der Bewerbung für die Europameisterschaft 2012 entschieden sich die beiden Länder für ein gemeinsames Projekt, das in die Zukunft weist. Und wenn alljährlich im Lemberger Stryjski-Park an das Fußball-Spiel von 1894 erinnert wird, dann sind heute ganz selbstverständlich immer auch Sportsfreunde aus Polen zugegen.</p>
<p style="text-align: justify;"><em>Dieser Beitrag wurde gefördert durch ein Recherchestipendium der Stiftung für Deutsch-Polnische Zusammenarbeit.</em></p>
<p style="text-align: justify;"><em>Erschienen in: <a href="http://www.eurasischesmagazin.de/artikel/?artikelID=20111217" target="_blank">Eurasisches Magazin</a>, Dezember 2011</em></p>
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		<title>Triumph der Brotfabrik-Helden über Hitlers Luftwaffe</title>
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		<pubDate>Mon, 14 Nov 2011 19:46:18 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Martin Brand</dc:creator>
				<category><![CDATA[Geschriebenes]]></category>

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		<description><![CDATA[Ein denkwürdiges Spiel vor fast 70 Jahren ist bei den ukrainischen Fans unvergessen – das Todesspiel. Die Mannschaft einer Kiewer Brotfabrik tritt gegen die Flakelf der deutschen Besatzer an – und gewinnt trotz der Drohung das eigene Leben zu verlieren. &#8230; <a href="http://martin-brand.de/geschriebenes/triumph-der-brotfabrik-helden-uber-hitlers-luftwaffe/">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p align="JUSTIFY"><img class="alignleft size-full wp-image-386" title="Todesspiel" src="http://martin-brand.de/wp-content/uploads/Death_match_bill.jpg" alt="Quelle: Wikipedia" width="297" height="420" /><strong>Ein denkwürdiges Spiel vor fast 70 Jahren ist bei den ukrainischen Fans unvergessen – das Todesspiel. Die Mannschaft einer Kiewer Brotfabrik tritt gegen die Flakelf der deutschen Besatzer an – und gewinnt trotz der Drohung das eigene Leben zu verlieren. Später werden einige von ihnen im KZ erschossen. Eine Geschichte mit großem wahren Kern und vielen Mythen.</strong></p>
<p><em>Von Robert Kalimullin und Martin Brand</em></p>
<p style="text-align: justify;">Nicht immer ging es freundschaftlich zu, wenn Deutsche und Ukrainer in Kiew Fußball spielten. Sommer 1942: Seit fast einem Jahr befindet sich die Stadt bereits in der Hand deutscher Besatzer. Das Massaker von Babyn Jar, bei dem in einer Schlucht am Stadtrand mehr als 33.000 Menschen ermordet wurden, ist erst ein gutes halbes Jahr her. Doch die Deutschen wähnen sich inzwischen sicher genug, eine kleine Fußballliga zu gestatten.</p>
<p style="text-align: justify;">Am 6. August spielt der FC Start, die Mannschaft einer Kiewer Brotfabrik, gegen die Paradetruppe der Besatzer, die Flak-Elf der Luftwaffe, und gewinnt vor 10.000 Zuschauern 5:1. Was die Deutschen nicht wissen: Der FC Start ist keine gewöhnliche Werkself. Viele Spieler liefen vor dem Krieg für Dynamo Kiew auf und zählen zur Elite des sowjetischen Fußballs. Die deutschen Soldaten brennen auf Revanche, und so treffen beide Mannschaften am 9. August erneut aufeinander.</p>
<p style="text-align: justify;">Auf den Zuschauerrängen herrscht Ekstase. Die Flak-Elf will eine weitere Schmach unter allen Umständen vermeiden, doch schon zur Halbzeit führt Start 3:1. In der Pause kommt Generalmajor Eberhard, der deutsche Stadtkommandant, in die Kabine der Kiewer. Er droht, sie erschießen zu lassen, sollten sie auch dieses zweite Spiel gewinnen. Die Ukrainer lassen sich aber nicht einschüchtern. Sie dribbeln und kämpfen weiter, gewinnen am Ende 5:3.</p>
<p style="text-align: justify;">Es ist ein symbolischer Erfolg gegen das deutsche Besatzungsregime, und so sehen es auch die Geschlagenen. Kurz nach der Begegnung werden neun Spieler der siegreichen Elf verhaftet und ins Konzentrationslager gesperrt. Vier von ihnen werden später dort erschossen.</p>
<p style="text-align: justify;">Diese Geschichte kennt noch heute jeder Fußball-Fan in der Ukraine. Drei Denkmäler gibt es in Kiew für die Helden des FC Start, der Kinofilm „Die Dritte Halbzeit“ erinnert an sie. Auch Hollywood verfilmte den Stoff, mit Sylvester Stallone und Pele. Und doch gilt das Todesspiel unter ukrainischen Sporthistorikern als vielfach widerlegter Mythos sowjetischer Propaganda.</p>
<p style="text-align: justify;">Fest steht: Der FC Start spielte im Sommer 1942 gut ein Dutzend Mal gegen Mannschaften der deutschen Besatzer aus, darunter auch zweimal gegen die Flak-Elf, und gewann alle Duelle. Gut eineinhalb Wochen nach dem angeblichen Todesspiel wurden einige Spieler an ihrem Arbeitsplatz in der Brotfabrik verhaftet.</p>
<p style="text-align: justify;">Sie sollen dabei erwischt worden sein, wie sie Mehl aus der Fabrik schmuggelten. Einer der Männer starb später während eines Gestapo-Verhörs. Wegen des Verdachts, für den sowjetischen Geheimdienst gearbeitet zu haben, war er zu Tode gefoltert worden. Drei andere Spieler wurden ein halbes Jahr später im KZ erschossen.</p>
<p style="text-align: justify;">Mit dem Sieg über die Flak-Elf hatte dies jedoch nichts zu tun. Wahrscheinlicher ist, dass die Fußballspieler im Zuge einer Vergeltungsaktion wegen eines Partisanenangriffs hingerichtet wurden. Das Schicksal eines Spielers ist ungeklärt, die übrigen überlebten den Krieg.</p>
<p style="text-align: justify;">Dass der Mythos sich trotz dieser Fakten hält, erklärt Sergej Polchowski, Direktor von Dynamo Kiew TV, so: „Der Grundkonflikt, entweder der Bedrohung durch den Feind nachzugeben oder ihr zu widerstehen und sein Leben zu opfern, war für mich als kleiner Junge unheimlich beeindruckend.“</p>
<p style="text-align: justify;">Erst in den letzten Jahren der Sowjetunion gab es mehr Informationen, die belegen, dass der Tod der Fußballspieler nicht im Zusammenhang mit dem Spiel gegen Deutschen stand. Doch diese Erkenntnisse rütteln nur sehr zaghaft an den weit verbreiteten Vorstellungen von den heldenhaften Kiewern. „Was einer nicht glauben will, glaubt er eben nicht“, sagt Polchowski. „Schließlich hatten unsere Spieler ja tatsächlich immer gegen die deutschen Besatzer gewonnen.“</p>
<p style="text-align: justify;"><em>Gefördert durch ein Recherchestipendium der Stiftung für deutsch-polnische Zusammenarbeit.</em></p>
<p style="text-align: justify;"><em>Erschienen in: <a href="http://www.welt.de/sport/fussball/article13709555/Triumph-der-Brotfabrik-Helden-ueber-Hitlers-Luftwaffe.html" target="_blank">Die Welt</a>, <a href="http://www.welt.de/print/welt_kompakt/print_sport/article13710803/Blamage-fuer-Hitlers-Soldaten.html" target="_blank">Welt kompakt</a>, <a href="http://www.morgenpost.de/sport/fussball/article1822825/Triumph-der-Brotfabrik-Helden-ueber-Hitlers-Luftwaffe.html" target="_blank">Berliner Morgenpost</a>, 11.11.2011</em></p>
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		<title>Breslau hat das modernste Stadion zwischen Leipzig und Krakau</title>
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		<pubDate>Sat, 17 Sep 2011 10:51:06 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Martin Brand</dc:creator>
				<category><![CDATA[Geschriebenes]]></category>

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		<description><![CDATA[Vitali Klitschko durfte zwar schon drin boxen, Sänger George Michael eröffnet den Sporttempel aber erst heute offiziell. Die SZ hat sich vor Ort schon mal umgeschaut. Von Robert Kalimullin und Martin Brand Kurz vor 23 Uhr bewegt sich die Stimmung &#8230; <a href="http://martin-brand.de/geschriebenes/breslau-hat-das-modernste-stadion-zwischen-leipzig-und-krakau/">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: justify;"><em><strong><a title="Breslau hat das modernste Stadion zwischen Leipzig und Krakau" href="http://martin-brand.de/wp-content/uploads/breslau_stadion.pdf"><img class="alignleft size-full wp-image-468" title="breslau_stadion" src="http://martin-brand.de/wp-content/uploads/breslau_stadion.jpg" alt="Stadion Miejski Breslau" width="206" height="300" /></a>Vitali Klitschko durfte zwar schon drin boxen, Sänger George Michael eröffnet den Sporttempel aber erst heute offiziell. Die SZ hat sich vor Ort schon mal umgeschaut.</strong></em></p>
<p style="text-align: justify;"><em>Von Robert Kalimullin und Martin Brand</em></p>
<p style="text-align: justify;">Kurz vor 23 Uhr bewegt sich die Stimmung auf ihren Höhepunkt zu: Wieder und wieder geht die La-Ola-Welle durch das neue Stadion von Breslau (Wrocław). „Tomasz Adamek, Tomasz Adamek“ schallt es aus zehntausenden Kehlen. Die Zuschauer, von Kopf bis Fuß in den polnischen Nationalfarben rot und weiß gekleidet, hoffen auf eine Sensation im Boxen, auf einen Sieg ihres „polnischen Kriegers“ Adamek gegen Schwergewichtsweltmeister Vitali Klitschko. Sie werden enttäuscht, Adamek hat nicht den Hauch einer Chance. Mit Stolz verlassen sie dennoch den Schauplatz des Kampfes: die Breslauer Fans und ihre Gäste aus ganz Polen und dem Ausland haben eine neue, moderne Arena in Besitz genommen.</p>
<p style="text-align: justify;">Offiziell wird das „Stadion Miejski“, das städtische Stadion, zwar erst heute eröffnet. Doch diese Trennung zwischen „offizieller“ und „inoffizieller“ Eröffnung kann man auch einfach als PR-Masche der Veranstalter sehen. Fest steht: Seit dem 10. September hat Breslau ein Stadion, das mehr als 42.000 Menschen fasst. Damit beginnt ein neues Kapitel in der Geschichte der Stadt an der Oder, die nun einen würdigen Platz für internationale Großereignisse in der Region Niederschlesien zu bieten hat.</p>
<p style="text-align: justify;">Mit einem „chinesischen Lampion“ wird das Stadion verglichen, seit 2007 die ersten Pläne für die neue Arena bekannt wurden. Und tatsächlich leuchtet das Breslauer Stadion nach Hereinbrechen der Nacht in sattem Grün. Dank eines ausgeklügelten Beleuchtungssystems kann die Fassade ihre Farbe ganz nach Lust und Laune der Veranstalter wechseln. Tagsüber dagegen kann man bei Sonnenschein von der Promenade im Stadioninneren durch die filigrane, halb transparente Außenhülle aus Glasfaser seinen Blick über die Stadt und die Hügel des Umlands schweifen lassen.</p>
<p style="text-align: justify;">Völlig fertiggestellt ist das Stadion dabei noch immer nicht, und das endgültige Einverständnis der Bauaufsichtsbehörde kam erst zwei Tage vor dem Kampf. Als die ersten Zuschauer kurz nach 17 Uhr das Stadion betreten dürfen, sind die grünen Klappsitze des Stadions noch von einer dicken Schicht Baustellenstaub bedeckt. Aus den Decken im Innenbereich hängen Kabel. Und rings um das Stadion stehen noch immer Bagger und Baumaschinen.</p>
<h3 style="text-align: justify;">„Alles in letzter Minute“</h3>
<p style="text-align: justify;">Doch an dieser Unfertigkeit mag sich am Kampfabend kaum jemand stören, ebenso wenig wie an organisatorischen Problemen, die etwa die Anfahrt zum Stadion betreffen. Oder der Mangel an Hotelbetten, der an diesem Wochenende deutlich spürbar ist und zu einem Problem auch bei der Europameisterschaft im kommenden Jahr werden könnte. „Wir Polen sind eben so, wir machen alles erst in letzter Minute“, kommentiert der 20-jährige Damian mit einem Lächeln derlei Meldungen. Der Verkäufer aus dem nordpolnischen Koszalin ist eigens mit dem Nachtzug nach Breslau angereist. Nicht etwa zum Boxkampf. Der interessiert ihn zwar auch, doch Damian möchte zum Europäischen Kulturkongress, der aus Anlass der polnischen EU-Ratspräsidentschaft zeitgleich in Breslau stattfindet. Dort soll seine Lieblingsband spielen.</p>
<p style="text-align: justify;">Gleich zwei weitere Großveranstaltungen – neben dem Kulturkongress findet am Sonntag auch noch der Breslau-Marathon statt – an einem Wochenende, an dem ohne hin schon das bislang größte Sportereignis der Stadtgeschichte stattfindet, zeugen von einer fast schon unverschämten Gelassenheit. Mittags ist auf dem zentralen Breslauer Ringmarkt, dem Rynek, von Anspannung wenig zu spüren. Man sieht sie dort flanieren, die Boxfans, auffallend viele junge kräftige Männer in Zweier- oder Vierergruppen, die meisten in rot-weiß gekleidet, einige aber auch in den ukrainischen Farben gelb und blau. Sie machen mehre Runden um den Platz, lassen sich zur Erinnerung mit ihren Transparenten fotografieren. Doch neben ihnen bevölkern den Platz auch deutsche Reisegruppen, Kulturkongressbesucher, Musiker und Bettler. Man hat nicht den Eidruck, dass Breslau sich von einer Boxweltmeisterschaft so leicht aus seinem Rhythmus bringen lässt.</p>
<p style="text-align: justify;">Dann spürt man doch, wie etwas in der Luft liegt, wenn plötzlich jemand von den Angereisten „Tomasz Adamek“ ruft, und der Name wie ein Echo aus all den Cafés und Biergärten am Platz zurückschallt. Adamek ist ein nationaler Held in Polen, für ihn sind sie aus Stettin und Posen, aus Warschau und Krakau hierher gereist. Und Adamek hat ihnen versprochen, den Weltmeistertitel holen zu wollen – „für alle Polen in der Welt“.<br />
Es ist sicher keine ungewollte Symbolik, dass das EM-Stadion in Breslau seiner Bestimmung mit dem Duell des Polen Adamek gegen den Ukrainer Klitschko übergeben wurde. Polen und die Ukraine sind zusammen Gastgeber der Europameisterschaft im kommenden Jahr. Ihre gemeinsame Geschichte mag auch viel Trennendes haben, eine historische Rivalität ist noch immer spürbar. Doch für 2012 hat man sich zum Ziel gesetzt, „gemeinsam Geschichte zu schreiben“. „Sport kann die Welt zum Besseren ändern“, sagt Vitali Klitschko nach seinem Kampf gegen Tomasz Adamek, „und ich bin mir sicher, dass die Euro 2012 Polen und die Ukraine ändern kann.“</p>
<p style="text-align: justify;">Viel wurde seit der Entscheidung des europäischen Fußballverbandes UEFA im Jahre 2007, die EM an Polen und die Ukraine zu vergeben, geschrieben über die Probleme der Gastgeberländer. Über mangelnde Fortschritte beim Stadien-, Hotel- und Straßenbau. Sogar ein angeblicher bevorstehender Entzug des Turniers wurde diskutiert. Wer will, wird auch nach der Stadioneröffnung von Breslau noch viele Bereiche finden, wo einiges im Argen liegt.</p>
<h3 style="text-align: justify;">„Am Ende ein tolles Turnier“</h3>
<p style="text-align: justify;">Doch wer den Blick auf die Weg strecke richtet, die die Gastgeber bereits zurückgelegt haben, der wird an einem Erfolg der EM kaum noch zweifeln. „Es ist doch immer dasselbe“, kommentierte jüngst anlässlich des Gastspiels der deutschen Nationalelf in Danzig Oliver Kahn, der eine erstaunliche Wandlung vom heißblütigen Torwart zum altersweisen Fußballexperten durchgemacht hat. Jedes Mal würden im Vorfeld in den Medien die Probleme aufgebauscht, „und am Ende wird es ein tolles Turnier“. Das Stadion in Breslau aber wird auch über die EM hinaus die Gewichte in einer Region verschieben, die sich in der Vergangenheit oft an Berlin oder Warschau orientierte. Mit dem Stadion Miejski ist auch ein neues kulturelles und sportliches Gravitationszentrum entstanden, das über die Grenzen Niederschlesiens hinaus strahlen kann.</p>
<h1 style="text-align: justify;">Ein langer Weg</h1>
<p style="text-align: justify;">Als Uefa-Präsident Michel Platini im April 2007 verkündete, die Fußball-Europameisterschaft 2012 werde in Polen und der Ukraine stattfinden, war die Freude unter den vielen hundert Menschen auf dem Breslauer Ringmarkt schier grenzenlos. Noch allerdings war Breslau nur ein Kandidat unter sechs polnischen Städten. Um tatsächlich Gastgeber der EM zu werden, musste die Stadt ein neues, modernes Stadion errichten, das die Kommission der Uefa überzeugen würde – und das in weniger als vier Jahren. Umgesetzt wurde der Entwurf des deutschen Architekturbüros JSK. Im Mai 2009 entschied die Uefa, dass Breslau neben Danzig, Posen und Warschau EM-Spiele sehen wird.<br />
Verzögerungen beim Bau des Stadions trübten aber die anfängliche Euphorie. Als Ende 2009 fast die Hälfte der Bauzeit abgelaufen, das Stadion aber erst zu sieben Prozent fertig war, zog Breslaus Oberbürgermeister Rafał Dutkiewicz die Reißleine. Er entzog dem Warschauer Baukonsortium den Auftrag und übertrug die Leitung dem deutschen Bauunternehmen Max Bögl. Die für Dezember 2010 vorgesehene Übergabe des Stadions verzögerte sich trotzdem. Selbst der vom neuen Auftragnehmer geplante Termin Ende Juni 2011 platzte. Am 3. September schließlich sollten amerikanische Monster-Trucks das Stadion einweihen. Auch dies wurde kurzfristig abgesagt. Erst vergangenes Wochenende konnte die Arena mit dem Boxkampf Klitschko gegen Adamek erstmals genutzt werden.</p>
<h1 style="text-align: justify;">Wissenswertes rund ums Stadion</h1>
<ul>
<li style="text-align: justify;">Stadion Breslau: Das Stadion Miejski bietet Platz für 42 771 Fans, 2 130 Plätze sind für VIP-Gäste reserviert. Neben drei Dutzend Kiosken mit Speisen und Getränken und einer Fan-Bar findet sich im Stadion auch ein Museum und Fan-Shop des WK Śląsk Wrocław, der in diesem Jahr polnischer Vizemeister wurde. Eigentümer des Stadions ist die Stadt Breslau. Betrieben wird die Arena von der Gesellschaft SMG Polska.</li>
<li style="text-align: justify;">Veranstaltungen: Das neue Stadion in Breslau wird nicht nur für Fußballspiele genutzt, sondern auch für Großveranstaltungen aller Art. Den Auftakt machte am vergangenen Wochenende Vitali Klitschko mit seinem Boxkampf gegen den Polen Tomasz Adamek. Erst dieses Wochenende allerdings wird George Michael die Arena mit einem Konzert offiziell eröffnen. Für den 1. Oktober ist ein „Monster Jam“, eine Show überdimensionierter Trucks, angesetzt. Während der Fußball-Europameisterschaft 2012 werden im Stadion drei Spiele stattfinden, darunter das letzte Vorrundenspiel der polnischen Nationalmannschaft. Schon ab Ende September wird der Breslauer Klub WK Sląsk Wrocław seine Heimspiele hier austragen. Das erste Fußball-Länderspiel ist für den 11. November angesetzt – Polen empfängt Italien zu einem Freundschaftsspiel.</li>
<li style="text-align: justify;">Tickets: Karten für das Eröffnungskonzert von George Michael am heutigen Sonnabend gibt es an der Stadionkasse. Für die Spiele der Europameisterschaft sind bereits alle Tickets ausverkauft. Allerdings kann man mit etwas Glück ab 1. März 2012 auf der Internetseite der Uefa zurückgegebene Karten ergattern. Tickets zu Fußballspielen des WKS Wrocław sind an der Stadionkasse oder auf www.slaskwroclaw.pl zu erwerben.</li>
<li style="text-align: justify;">Stadionbesichtigung: Außerhalb von Veranstaltungen kann das Stadion noch nicht besichtigt werden. Für die Zukunft sind Besucherführungen geplant. Diese können dann über die Webseite des Stadions gebucht werden.</li>
<li style="text-align: justify;">Anfahrt: Von Bautzen erreicht man das Stadion Miejski mit dem Auto in knapp drei Stunden über die A4 bis Breslau und anschließend über die A8 bis zum Stadion. Für Ticketbesitzer gibt es vor dem Stadion Parkmöglichkeiten, noch sind allerdings nicht alle Parkplätze fertiggestellt. Während der Veranstaltungen fahren vom Stadtzentrum Sonderbusse, die die Besucher ins Stadion bringen. Bis zur Europameisterschaft soll es auch eine Schnellstraßenbahn von der Stadt zum etwa 15 Minuten entfernten Stadion geben, die sich allerdings derzeit noch im Bau befindet.</li>
<li style="text-align: justify;">Behinderte: Nach Angaben des Betreibers ist das Stadion barrierefrei zugänglich. Gut 200 Plätze stehen für Rollstuhlfahrer und deren Betreuer zur Verfügung.</li>
<li style="text-align: justify;">Gastronomie: Eigenes Essen und Getränke dürfen nicht mit ins Stadion genommen werden. An mehreren Kiosken gibt es Hot-Dogs, Bratwürste, Hamburger oder Nachos sowie kalte Getränke zu kaufen. Alkohol wird nicht ausgeschenkt. Dafür zahlt man in einer eigenen Stadion-Währung: zum Preis von 8 Złoty (etwa 2 Euro) gibt es Jetons zu kaufen; für jeden dieser Plastechips bekommt man eine Speise oder ein Getränk seiner Wahl. Einmal gekauft, müssen die Jetons auch genutzt werden, eine Rückgabe ist nicht vorgesehen. Das ebenfalls im Stadion geplante Restaurant ist zur Eröffnung noch nicht fertig geworden.</li>
<li style="text-align: justify;">Rauchen und Alkohol: Offiziell gilt im Stadion ein Rauch- und Alkoholverbot. Zumindest an das Rauchverbot scheint sich aber niemand so recht zu halten. Das strikte Rauchverbot gilt übrigens nicht nur im Stadion, sondern allgemein in Polen in allen öffentlichen Einrichtungen und in Cafés und Restaurants, sofern dort nicht ein separater Raucherraum eingerichtet wurde. Auch vor dem Genuss von alkoholischen Getränken vor dem Stadion und auf den Straßen der Breslauer Altstadt sollte man sich hüten. Denn auf öffentlichen Plätzen ist das Trinken von Alkohol untersagt und wird rigoros mit bis zu 100 Złoty Bußgeld bestraft.</li>
</ul>
<p><em>Erschienen in: Sächsische Zeitung, 17.09.2011</em></p>
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		<title>Zwei EM-Städte &#8211; eine Geschichte</title>
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		<pubDate>Fri, 05 Aug 2011 08:38:49 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Martin Brand</dc:creator>
				<category><![CDATA[Geschriebenes]]></category>

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		<description><![CDATA[Von Martin Brand und Robert Kalimullin. Przemysław Piwowarski sieht aus, wie man sich einen polnischen Fußball-Hooligan vorstellt. Er ist klein, aber kräftig gebaut. Die Haut gebräunt. Die Haare trägt er kurz geschnitten, um den Hals ein silbernes Kettchen. „Annihilate the &#8230; <a href="http://martin-brand.de/geschriebenes/zwei-em-stadte-eine-geschichte/">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: justify;"><a title="Zwei EM-Städte - eine Geschichte" href="http://martin-brand.de/wp-content/uploads/piwowarski.pdf"><img class="alignleft size-full wp-image-415" title="Zwei EM-Städte - eine Geschichte" src="http://martin-brand.de/wp-content/uploads/piwowarski.jpg" alt="Zwei EM-Städte - eine Geschichte" width="206" height="300" /></a><em>Von Martin Brand und Robert Kalimullin.</em></p>
<p style="text-align: justify;">Przemysław Piwowarski sieht aus, wie man sich einen polnischen Fußball-Hooligan vorstellt. Er ist klein, aber kräftig gebaut. Die Haut gebräunt. Die Haare trägt er kurz geschnitten, um den Hals ein silbernes Kettchen. „Annihilate the weak“ (Vernichte die Schwachen) steht auf seinem Everlast-Shirt, dazu trägt er eine kurze Hose derselben Marke und weiße Turnschuhe. Seine Augen kneift er immer etwas zusammen. Doch er ist hell wach und aufmerksam. Piwowarski aber ist kein Hooligan, er ist Vorsitzender der Fan-Vereinigung „Wielki Śląsk” des polnischen Meisterschaftszweiten Śląsk Wrocław.</p>
<p style="text-align: justify;">In dieser Funktion muss er in jüngster Zeit häufig Fragen über Gewaltexzesse im polnischen Fußball beantworten, seit Anfang Mai das Pokalfinale von Randalen überschattet wurde. „Fußballfans sind keine Verbrecher“, wehrt sich Piwowarski dann gegen allzu pauschale Anschuldigungen. Umso mehr freut sich der Mittzwanziger, einmal über ein anderes Thema sprechen zu dürfen.</p>
<p style="text-align: justify;">Es geht um seine Heimatstadt Wrocław (Breslau), und es geht um die ukrainische Stadt Lemberg (ukrainisch Lviv, polnisch Lwów). Beide sind als Austragungsort der Fußball-Europameisterschaft 2012 vorgesehen. Und beide Städte verbindet eine gemeinsame Geschichte. „Hier in Wrocław und im größten Teil der Region Schlesien leben Menschen, die ihre Wurzeln in Lemberg und der Umgebung von Lemberg haben. Auch meine Oma ist eine Lembergerin. Nach dem Krieg kam sie hierher,“ erzählt Piwowarski.</p>
<p style="text-align: justify;">Weniger bekannt als das Schicksal der deutschen Breslauer, die nach 1945 flohen oder vertrieben wurde, ist hierzulande die Geschichte der neuen Einwohner des polnischen Wrocław. Auch viele von ihnen mussten ihre alte Heimat verlassen, die nach dem Willen Stalins fortan Teil der ukrainischen Sowjetrepublik war. „Hier in Breslau haben sich Traditionen aus dem Lemberg der Vorkriegszeit erhalten“, erzählt Piwowarski. Sinnbild dafür ist das alte Lemberger Denkmal des Dichters Aleksander Fredro, das heute auf dem Marktplatz in Wrocław steht.</p>
<p style="text-align: justify;">In Lemberg liegen auch die Wurzeln des polnischen Fußballs. 1894 fand dort mit dem Match gegen Krakau das erste Spiel zwischen zwei polnischen Städten in der Geschichte statt. Und mit Pogoń Lwów kommt eine der traditionsreichsten polnischen Mannschaften aller Zeiten aus Lemberg. Mit dem Kriegsausbruch 1939 endete die Geschichte des mehrfachen polnischen Vorkriegsmeisters zunächst. 70 Jahre später wurde der Verein von Lemberger Polen wiederbelebt.</p>
<p style="text-align: justify;">Heute ist Pogoń Lwów ein ambitionierter Amateurverein, der in der vierten ukrainischen Liga kickt. Und Unterstützung in Polen erhält. Der Breslauer Abgeordnete Michał Jaros hielt sogar eine Rede im polnischen Parlament, dem Sejm in Warschau, um sich für den polnischen Traditionsclub in der Ukraine stark zu machen. Und die Fans von Śląsk Wrocław sammelten während eines Ligaspiels im Mai Geld für die Fußballerkollegen in Lemberg.</p>
<p style="text-align: justify;">Die Wiedergründung von Pogoń sei bei aller politischen Unterstützung „eine Initiative von unten“, von den Fans gewesen, erklärt Piwowarski. Und nur so habe sie funktionieren können, denn offizielle Maßnahmen zur Wahrung polnischer Traditionen würden in der heutigen Ukraine immer noch häufig misstrauisch beäugt.</p>
<p style="text-align: justify;">Dass die gemeinsame Geschichte ebenso spalten wie verbinden kann, das gilt für die polnisch-ukrainischen Beziehungen ebenso wie für die polnisch-deutschen. Und so drängt sich die Frage auf, was wäre, wenn Deutsche im polnischen Wrocław ihre alten Vereine, die da Hertha oder Germania hießen, wiederbeleben würden. Piwowarski zögert mit der Antwort, weicht aus. Die deutsche Minderheit in Breslau sei ja zahlenmäßig viel geringer als die polnische in Lemberg.</p>
<p style="text-align: justify;">Doch nach dem Ende des Gesprächs will Piwowarski seinen Gästen noch etwas zeigen, bittet sie in sein Büro neben dem Stadion. Dort hängt – zwischen zahllosen Wimpeln befreundeter Fußballvereine – eine alte, eingerahmte Landkarte. „Provinz Schlesien“ steht darüber, auf Deutsch. Piwowarski lächelt. Breslau, Wrocław, Lemberg – all das sind Facetten der Identität des jungen Mannes. Eines jungen Mannes, der einen ganz anderen Eindruck vom polnischen Fußball hinterlässt als die Bilder von gewalttätigen Hooligans.</p>
<p style="text-align: justify;">Gefördert durch ein Recherchestipendium der Stiftung für Deutsch-Polnische Zusammenarbeit.</p>
<p style="text-align: justify;"><em>Erschienen in: Sächsische Zeitung, 01.08.2011</em></p>
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		<title>Deutscher Streifen „The Other Chelsea“ stößt kontroverse Debatte in der Ukraine an</title>
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		<pubDate>Sun, 05 Jun 2011 20:46:30 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Martin Brand</dc:creator>
				<category><![CDATA[Geschriebenes]]></category>

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		<description><![CDATA[Schachtjor Donezk ist der ganze Stolz der Fußballfans im Osten der Ukraine. Bergarbeiter und Spitzenpolitiker strömen ins Stadion, wenn die brasilianischen Stars von Schachtjor auf europäischem Spitzenniveau kicken. Mit der finanziellen Unterstützung des Oligarchen Rinat Achmetow gewann der Verein 2009 &#8230; <a href="http://martin-brand.de/geschriebenes/deutscher-streifen-%e2%80%9ethe-other-chelsea%e2%80%9c-stost-kontroverse-debatte-in-der-ukraine-an/">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em><strong>Schachtjor Donezk ist der ganze Stolz der Fußballfans im Osten der Ukraine. Bergarbeiter und Spitzenpolitiker strömen ins Stadion, wenn die brasilianischen Stars von Schachtjor auf europäischem Spitzenniveau kicken. Mit der finanziellen Unterstützung des Oligarchen Rinat Achmetow gewann der Verein 2009 sogar den Uefa-Pokal. Ein junger deutscher Dokumentarfilmer hat die Menschen im ostukrainischen Kohlerevier Donbass und ihre Leidenschaft für ihre Fußballmannschaft porträtiert – und mit seinem Film eine kontroverse Debatte in der Ukraine ausgelöst.</strong></em></p>
<p><em>Von Martin Brand und Robert Kalimullin<strong><br />
</strong></em></p>
<p>Zwei Lebenswelten stehen sich in dem Film „The Other Chelsea“ gegenüber. Da sind einmal die Vertreter aus der einfachen Bevölkerung, die sich ihr täglich Brot mühsam unter Tage, in den maroden Kohlegruben verdienen und sich vom wenigen Ersparten einen Stehplatz im Stadion leisten können.</p>
<p>Ihnen gegenüber steht Nikolai Lewtschenko, aufstrebender Nachwuchspolitiker in Donezk. Seine Stadtwohnung ist in einem Stil ausgestattet, den man als neobarock klassifizieren könnte, den morgendlichen Grießbrei bekommt er von einer Hausangestellten serviert. In seinem Büro hängt ein Bildnis Stalins.</p>
<h3>„Es gibt eine Verbindung zwischen Wirtschaft, Politik und Sport“</h3>
<p>Lewtschenko dürfte inzwischen bereuen, dem Berliner Regisseur Jakob Preuss derartig intime Einblicke in seine Verhältnisse gewährt zu haben. Denn der Film, dessen Untertitel lautet „Es gibt immer eine Verbindung zwischen Wirtschaft, Politik und Sport“, wurde inzwischen auch in der Ukraine gezeigt. In Lewtschenkos Heimatland also, wo er die Rolle des politischen Scharfmachers auf Seiten der „blauen“ Gegenkräfte zum „orangenen“ Lager kultiviert, wenn er beispielsweise für Russisch und gegen Ukrainisch als Amtssprache eintritt.</p>
<p>Da ist es für seine Ambitionen nicht gerade förderlich, wenn die Zuschauer im Kino dabei sind, wie er während seiner Arbeitszeit Gardinen für seine Luxuswohnung aussucht. Oder wenn er laut darüber sinniert, dass Wahlverlierer in der Ukraine eine Verfolgung durch die Justiz zu befürchten hätten. Seit der „orangenen Revolution“ von 2004 hat sich das Ruder schließlich gedreht, jetzt sitzen seine „Blauen“ mit Präsident Viktor Janukowitsch in Kiew an den Schalthebeln der Macht.</p>
<h3>Milliardenschwerer Klubpräsident</h3>
<p>Zum blauen Lager gehört auch Boris Kolesnikow, der stellvertretende Ministerpräsident der Ukraine. Als Reaktion auf den Film empfahl dieser Lewtschenko nun öffentlich, seine politische Tätigkeit am besten an den Nagel zu hängen und eine Bäckerei aufzumachen, wenn er dem Land dienen wolle. Anders dagegen Lewtschenkos politischer Ziehvater, der milliardenschwere Rinat Achmetow, der jüngst Schlagzeilen machte, als sein Unternehmen SCM die mit geschätzten 150 Millionen Euro wohl teuerste Wohnung Londons erwarb.</p>
<p>Achmetow ist Klubpräsident bei Schachtjor und so etwas wie der Übervater des Donbass. Aus Regionalpatriotismus investiert er auch hier, in seiner Heimat. Im Gegensatz zu Milliardärskollege Roman Abramowitsch, der sich den Londoner Klub Chelsea als Spielzeug leistete, schenkte Achmetow Donezk ein Stadion für die Fußball-Europameisterschaft im kommenden Jahr. Auch er hat den Film gesehen. Gefallen hat dem ukrainischen Unternehmer tatarischer Herkunft, wie Preuss gezeigt habe, dass der Fußball die Region verbinde. Und an Lewtschenko lobt der Oligarch dessen Ehrlichkeit – wenigstens habe er sich nicht eine Wohnung gemietet, um dem Filmteam vorzugaukeln, dass er in einfachen Verhältnissen lebe.</p>
<p>Was hat Lewtschenko bewogen, sich von Preuss porträtieren zu lassen? Eine Vorstellung bekommt, wer Preuss erlebt, der zu seinen Filmvorführungen in Berlin, Warschau, Kiew oder Donezk stets persönlich anreist, um mit den Zuschauern zu diskutieren. Es muss so etwas wie eine Anziehung gegeben haben zwischen dem Regisseur und seinem Protagonist.</p>
<h3>Ein Hauch von Skandal</h3>
<p>Mit Mitte 30 sind sie beide in etwa gleichaltrig. Beide lieben sie den öffentlichen Auftritt, stehen gerne im Rampenlicht. Und sicherlich fühlte Lewtschenko sich auch etwas geschmeichelt von der Aufmerksamkeit durch das Filmteam. Nach der Filmvorführung, die in Donezk vom Hauch eines Skandals umgeben ist, gibt der Jungpolitiker eine Pressekonferenz und verkündet, natürlich sei der Film unvorteilhaft für ihn.  Doch einen Grund zum Rücktritt sieht Lewtschenko nicht. Und wenn er sich für etwas schäme, dann für die im Film gezeigten katastrophalen Arbeitsbedingungen in den Kohleschächten und nicht für seinen Auftritt. Für deren Verbesserung, so der Jungpolitiker, wolle er 24 Stunden am Tag arbeiten.</p>
<p>So ganz mag man Lewtschenko diese zur Schau gestellte Gelassenheit allerdings nicht abnehmen. Preuss wieß zu berichten, dass der Held seines Filmes die Rechte an ebendiesem kaufen wollte – für die Ukraine, Russland und Wießrussland. Sie haben sich auch nach der Filmpremiere gesprochen, Lewtschenko und Preuss, den der Politiker öffentlich immer noch als seinen Freund bezeichnet. Stalin ist inzwischen aus dem Büro verschwunden. Etwas zynisch, so Preuss, habe Lewtschenko ihm für die Hilfe bei seiner Karriere gedankt. „Das kann absurderweise sogar stimmen“ meint Preuss, schließlich habe Achmetow der Film ja gefallen – und dessen Wort hat Gewicht in Donezk.</p>
<p><em>Erschienen in: </em><a title="Deutscher Streifen „The Other Chelsea“ stößt kontroverse Debatte in der Ukraine an" href="http://www.eurasischesmagazin.de/artikel/?artikelID=20110623" target="_blank">Eurasisches Magazin, Juni 2011</a></p>
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		<title>Krakaus langer Traum von Manhattan</title>
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		<pubDate>Fri, 15 Apr 2011 20:41:22 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Martin Brand</dc:creator>
				<category><![CDATA[Geschriebenes]]></category>

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		<description><![CDATA[Krakaus Stadtväter hatten einst eine Vision: Ein kleines Manhattan wollten sie unweit von Krakaus Altstadt errichten, das modernste der Moderne sollte es sein. Das war Ende der 1960er-Jahre. Ihr Traum jedoch zerplatzte und statt schicker Hochhäuser kratzt seit über 30 &#8230; <a href="http://martin-brand.de/geschriebenes/krakaus-langer-traum-von-manhattan/">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<div class="mceTemp">
<dl id="attachment_315" class="wp-caption alignleft" style="width: 179px;">
<dt class="wp-caption-dt"><a href="http://martin-brand.de/wp-content/uploads/Krakaus_Traum_von_Manhatten.jpg"><img class="size-medium wp-image-315 " title="Krakaus langer Traum von Manhatten" src="http://martin-brand.de/wp-content/uploads/Krakaus_Traum_von_Manhatten-169x300.jpg" alt="" width="169" height="300" /></a></dt>
</dl>
<p style="text-align: justify;"><strong>Krakaus Stadtväter hatten einst eine Vision: Ein kleines Manhattan wollten sie unweit von Krakaus Altstadt errichten, das modernste der Moderne sollte es sein. Das war Ende der 1960er-Jahre. Ihr Traum jedoch zerplatzte und statt schicker Hochhäuser kratzt seit über 30 Jahren ein graues Betonskelett, genannt „Szkieletor“, am Himmel über der Stadt. Nun gibt es einen neuen Anlauf, Krakaus weithin sichtbaren Schandfleck in eine Art polnisches Rockefeller Center zu verwandeln.</strong></p>
</div>
<p style="text-align: justify;">Fast 92 Meter ragt das Ungetüm in die Höhe. Jahrelang stand der „Szkieletor“ wie ein hässliches Gespenst in der Landschaft, bis er vor einigen Jahren zur größten Werbetafel der Stadt umfunktioniert wurde. Schöner wurde er dadurch aber nicht. Mit der Konstruktion des Hochhauses wurde Mitte der 1970er-Jahre begonnen. Wenig später geriet Polen in eine immer schwierigere wirtschaftliche Lage, weshalb die Arbeiten am höchsten Gebäude Krakaus 1979 gestoppt wurden. Seither steht der Rohbau als Investitionsruine ein paar Hundert Meter hinter dem Hauptbahnhof und wartet auf ein neues Konzept. Derer gab es im Laufe der Zeit reichlich, doch immer wieder zogen die Investoren ihre Pläne früher oder später zurück.</p>
<p style="text-align: justify;">In den 1980er-Jahren plante man, den Turm als Wohnhaus für die Arbeiter des Stahlwerks in Nowa Huta zu nutzen – vergeblich. Nach der politischen Wende tauchten Investoren auf, die den „Szkieletor“ (benannt nach einer skelettartigen Comicfigur) in ein Hotel umwandeln oder ihn ganz abreißen und an der Stelle zwei neue Türme errichten wollten – vergeblich. Das unfertige Hochhaus wanderte von einer Hand in die nächste, aufgrund von Problemen mit dem Denkmalschutz oder dem Untergrund konnte aber keiner der Besitzer sein Vorhaben umsetzen.</p>
<p style="text-align: justify;">Ab Sommer 2011 soll nun aber alles anders werden. Ein Krakauer Architekturbüro will dann damit beginnen, den Traum vom kleinen Manhattan doch noch zu verwirklichen. Um gut zehn Meter soll der Turm erhöht werden, Büroräume, Privatapartments und ein Hotel beherbergen und natürlich mit Geschäften, Restaurants und Cafés für eine belebte Umgebung sorgen. Wie am Rockefeller Center in New York soll nach den Plänen der Architekten zwischen den kleineren neuen Gebäuden ein Boulevard entstehen, auf dem sich Menschen treffen, erholen und entspannen sollen. Und vom geplanten Restaurant im obersten Stockwerk des neu gestalteten Hochhauses soll es dann den „schönsten Ausblick Polens“ geben – auf die Altstadt, den Wawel und die Berge der Hohen Tatra. Die Behörden für den Denkmalschutz haben bereits zugestimmt, die Höhe des neuen Turms schade nicht dem Panorama der Altstadt.</p>
<p style="text-align: justify;">Die Aufgabe, die sich den Architekten stellt, ist nicht einfach: Sie müssen zeitgenössische Architektur mit jahrhundertealten Bauwerken wie der Marienkirche und dem Rathausturm auf dem Hauptmarkt, den Bürgerhäusern der Altstadt oder dem hoch erhobenen Schloss auf dem Wawel in Einklang bringen. Kulturell gelingt dieser Spagat zwischen Tradition und Moderne in Krakau schon lange, architektonisch, wenn alles gut geht, in ein paar Jahren. Krakaus Stadtväter haben eine neue Vision – die Stadt, sie träumt wieder.</p>
<p style="text-align: justify;"><em>Erschienen in: Robert Kalimullin, Martin Brand: <a title="CityTrip Krakau" href="http://martin-brand.de/citytrip-krakau/">CityTrip Krakau</a>, Reise Know-How Verlag, Bielefeld, 2011.</em></p>
<p><a href="http://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/3.0/de/" rel="license"><img style="border-width: 0;" src="http://i.creativecommons.org/l/by-nc-nd/3.0/de/88x31.png" alt="Creative Commons Lizenzvertrag" /></a><br />
Dieser Text steht unter einer <a href="http://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/3.0/de/" rel="license">Creative Commons Namensnennung-NichtKommerziell-KeineBearbeitung 3.0 Deutschland Lizenz</a>.</p>
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		<title>Deutsche Kinowoche in Polen</title>
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		<pubDate>Mon, 20 Apr 2009 18:51:15 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Martin Brand</dc:creator>
				<category><![CDATA[Geschriebenes]]></category>

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		<description><![CDATA[Vom Mitte März bis Anfang April hat in zehn polnischen Städten die Deutsche Kinowoche niemieckie niuanse…deutsche details stattgefunden. Mehr als 6.000 Zuschauer besuchten nach Angaben der Veranstalter die deutschen Filme rund um das Thema „20 Jahre Mauerfall“. Organisiert wurde die &#8230; <a href="http://martin-brand.de/geschriebenes/deutsche-kinowoche-in-polen/">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><a href="http://martin-brand.de/wp-content/uploads/Deutsche_Kinowoche_in_Polen.jpg"><img class="alignleft size-medium wp-image-167" title="Deutsche Kinowoche in Polen" src="http://martin-brand.de/wp-content/uploads/Deutsche_Kinowoche_in_Polen.jpg" alt="" width="300" height="250" /></a><strong>Vom Mitte März bis Anfang April hat in zehn polnischen Städten die Deutsche Kinowoche niemieckie niuanse…deutsche details stattgefunden. Mehr als 6.000 Zuschauer besuchten nach Angaben der Veranstalter die deutschen Filme rund um das Thema „20 Jahre Mauerfall“. Organisiert wurde die Deutsche Kinowoche 2009 wie in den Vorjahren von den Vereinen der Deutschen Minderheit in Polen und dem Institut für Auslandsbeziehungen (ifa).</strong></p>
<p>Die Berliner Mauer ist das Symbol der Teilung Deutschlands. Ihr Fall im Herbst 1989 symbolisiert für die Deutschen das, was die Polen mit den ersten halbwegs freien Wahlen im Juni 1989 verbinden: einen Epochenwechsel. Zum 20. Jahrestag dieser Ereignisse erzählte die Deutsche Kinowoche in Polen mit überwiegend neuen Produktionen aus Deutschland die Geschichte und die Auswirkungen des Baus und Falls der Berliner Mauer nach. Die Filme zeigten „spannende Geschichten und unentdeckte Details aus dem Alltag Deutschlands“, so Andrzej Wajda, Schirmherr der Deutschen Kinowoche, in seinem Grußwort.</p>
<p>Neben den Spiel-, Dokumentar- und Kurzfilmen, die sich alle mehr oder weniger direkt auf die Berliner Mauer beziehen, wurde die Kinowoche in vielen Städten von einem umfangreichen Rahmenprogramm begleitet. In Bromberg und Oppeln war Christian Schwochow, Regisseur des Films „Novemberkind“ zu Gast. Schochow sprach mit den Kinobesuchern über seinen im letzten Herbst in die deutschen Kinos gekommenen Films über die Abgründe einer deutsch-deutschen Familiengeschichte. In Breslau diskutierte der Regisseur des Dokumentarfilms „Lenin kam nur bis Lüdenscheid“, André Schäfer, mit den Zuschauern über die witzige Aufarbeitung seiner Familiengeschichte in einem linksliberalen, westdeutschen Elternhaus.</p>
<p>In etlichen Orten der Deutschen Kinowoche wurden die Filmvorführungen von kleinen Vorträgen ergänzt. An der Universität in Allenstein gab es passend zur Deutschen Kinowoche einen Workshop zur Untertitelung von Filmen. In Danzig sprach Marion Brandt, Germanistik-Professorin an der Universität Gdańsk, über den Einfluss der Solidarność auf den Fall der Berliner Mauer. „Der Vortrag war sehr interessant, da er unterstreicht, wie wichtig der die Solidarność für den Fall der Mauer war, aber auch, welche Bedeutung die Ereignisse in Deutschland für Polen hatten“, sagt Alicja Puchalska, Besucherin der Kinowoche.</p>
<p>Vor allem das junge Publikum besuchte die Filme und das Programm um die Kinowoche „Besonders bei Studenten und Dozenten der Germanistik und Linguistik war die Kinowoche sehr beliebt“, sagt Anna Gerhardt, Kulturmanagerin des Instituts für Auslandsbeziehungen bei der deutschen Minderheit in Bromberg. Deshalb waren die Abschlusskonzerte mit deutschen und polnischen Bands in Oppeln, Allenstein und Breslau auch gut besucht. „Mit dem Oppelner Publikum sowie den Bands Pajujo und Delikat feierten wir den erfolgreichen Abschluss der Deutschen Kinowoche in Oppeln“, berichtet Lisa Schönenberg, ifa-Kulturmanagerin der SKGD.</p>
<p>Da das Ziel der Deutschen Kinowoche ist es, „anhand junger deutscher Filme ein facettenreiches und lebendiges Deutschlandbild zu vermitteln“, so Friedhelm Janzen, Regionalkoordinator des ifa in Polen. Um auch vielen Schülern die deutsche Kultur und Sprache näherzubringen, wurden neben den Abendveranstaltungen etliche Schulvorführungen am Vormittag organisiert. Der Film „Meer is nich“ über das Erwachsenwerden in der thüringischen Kleinstadt Weimar stieß auf großes Interesse bei den Schulen. Silvia Kribus, ifa-Kulturmanagerin in Allenstein und Mohrungen berichtet: „Hier in Mohrungen waren die 300 Plätze des Kinosaals im Morąski Dom Kultury während der zwei Schulfilmvorführungen voll belegt.“</p>
<p>In diesem Jahr fand die Deutsche Kinowoche erstmal auch in Bromberg und Thorn statt, wo die neue ifa-Kulturmanagerin die Kinowoche organisierte. „Dank der Kinowoche ist der Bekanntheitsgrad der Deutschen Minderheit in Bromberg gestiegen und viele neue Kontakte haben sich ergeben.“, so Anna Gerhardt.</p>
<p>Im nächsten Frühjahr soll die Deutsche Kinowoche wieder in vielen Orten der deutschen Minderheit stattfinden. “Beim polnischen Publikum ist die Kinowoche sehr beliebt.”, sagt Silvia Kribus. “Da liegt es nahe, schon jetzt mit den Vorbereitungen für das Filmfestival 2010 zu beginnen.”</p>
<p><em>Erschienen in: Schlesisches Wochenblatt, Nr. 17/2009.</em></p>
<p><a href="http://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/3.0/de/" rel="license"><img style="border-width: 0;" src="http://i.creativecommons.org/l/by-nc-nd/3.0/de/88x31.png" alt="Creative Commons Lizenzvertrag" /></a><br />
Dieser Text steht unter einer <a title="Creative Commons" href="http://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/3.0/de/" rel="license" target="_blank">Creative Commons Namensnennung-NichtKommerziell-KeineBearbeitung 3.0 Deutschland Lizenz</a>.</p>
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